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Blumentritt    
               
                              
                              
                              
                              
                    
                    
                    
                    
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S t e f a n   B r e u e r


G e s e l l s c h a f t   d e s   V e r s c h w i n d e n s





PA


Inhalt

S
S
S
S
SVorwort
S
S
S
SDie Entwicklungskurve der Zivilisation.
SEine Auseinandersetzung mit Norbert Elias
S
S
S
SProduktive Disziplin. Foucaults Theorie der 
Disziplinargesellschaft
S
S
S
SAdorno, Luhmann: Die moderne Gesellschaft zwischen 
Selbstreferenz und Selbstdestruktion
S
S
S
S'Nicht der Anfang, das Ende trgt die Last'.
SFriedrich Georg Jnger und die Perfektion der Technik
S
S
S
SDer Nihilismus der Geschwindigkeit.
SZum Werk Paul Virilios
S
S
S
STechnik und Wissenschaft als Hierophanie
S
S
S
SGtterdmmerung
S
SPA
SVorwort
S
S
S
S
S
S
S... Wir ordnens. Es zerfllt.
S               Wir ordnens wieder und zerfallen selbst.
S                               Rilke, Duineser Elegien
S
SDie Gegenwart, so versichert man uns seit einiger Zeit, stehe im 
Zeichen eines groen Verschwindens. Die Metaerzhlungen, welche 
die Spielregeln des modernen Wissens legitimierten, lsten sich 
auf oder verlren an Glaubwrdigkeit; die Diskurse ber die 
Dialektik des Geistes, die Hermeneutik des Sinns oder die 
Emanzipation der Gattung enthllten sich als Fabeln, denen keine 
Funktion mehr zukomme (Lyotard 1986, 13f.). Die Fundamente der 
neuzeitlichen Metaphysik wrden brchig, das Ende des 
Humanismus, der Subjektivitt, ja der Moderne schlechthin 
kndige sich an (Vattimo 1990, 52f.). Das Wissen selbst sprenge 
im Zuge seiner Entfaltung die vereinheitlichenden, 
universalisierenden, totalisierenden Ambitionen, mit denen es 
seit Descartes belastet sei. Relativittstheorie und 
Quantenphysik bewirkten eine Grundsatzrevision, eine "Mutation 
im Kern der Neuzeit", an der der Absolutheitsanspruch der alten 
Mathesis universalis zerbreche. Auflsung des Ganzen, Ende der 
Einheit, Obsoletheit der Totalitt: "Absolutheit ist nur noch 
eine Idee, ein archimedischer Punkt ist undenkbar, das Operieren 
ohne letztes Fundament wird zur Grundsituation" (Welsch 1988, 
187).
S
SDem Verschwinden der Totalitt, heit es weiter, korrespondiert 
das Erscheinen der Pluralitt, dem 'Koma der Moderne' (Matthieu) 
die Geburt der Postmoderne. Wo der szientifische Diskurs der 
Moderne nur den Kult einer monotheistischen Vernunft kannte, 
begreift sich der Postmodernismus als Anwalt des Polytheismus, 
als "Wahrer einer vielfltigen Wirklichkeit gegen ihre 
technologische Eintrbung" (ebd. 221 f.); wo einst die 
Monokultur eines technologischen Zeitalters sich ausbreitete, 
blht heute eine bunte Vielfalt von Horizonten, Lebenswelten, 
Wissensformen. Die Postmoderne 'verwindet' die Metaphysik 
(Vattimo 1990, 53); sie beharrt gegenber der homogenisierenden 
Gewalt des konomischen Diskurses auf der "Heterogenitt der 
Satz-Regelsysteme und Diskursarten" (Lyotard 1987, 263) und 
zeigt sich aggressiv gegen jede Totalisierung. "Krieg dem 
Ganzen, zeugen wir fr das Nicht-Darstellbare, aktivieren wir 
die Widerstreite, retten wir die Ehre des Namens" (Lyotard 1988, 
203). Auch wenn in diesem Krieg noch einige Schlachten verloren 
gehen sollten, glaubt die Postmoderne die strkeren Bataillone 
auf ihrer Seite zu haben. Sie will gegenber Technik und 
konomie das umfassendere Deutungsmuster sein und nicht nur die 
Entwicklungslogik des Wissens, sondern auch die der Gesellschaft 
fr sich haben (Welsch 1988, 218, 4). Das Verschwinden des 
Ganzen sei nicht mehr aufzuhalten, die Freisetzung der Teile 
unvermeidlich. "Die Postmoderne beginnt dort, wo das Ganze 
aufhrt" (ebd. 39).
S
SNun gibt es wenig Grnde, die Moderne vor der Kritik zu 
schtzen. Die meisten der gegen sie vorgetragenen Gravamina 
bestehen zu Recht. Es gibt aber auch keinen Grund, sich einem 
Feldzug anzuschlieen, der auf einer so fragwrdigen 
Lagebeurteilung wie der soeben skizzierten beruht. Zunchst 
einmal ist vllig ungeklrt, um welche Art von Pluralitt es 
sich handelt, die den Holismus der Moderne ersetzen soll: um 
eine Pluralitt, die aus der Gleichzeitigkeit des 
Ungleichzeitigen resultiert, also lediglich ein Ensemble noch 
nicht vermittelter Vielheit ist; um die Differenzierungsprodukte 
einer Einheit, die noch im Auersichsein bei sich selbst ist - 
Pluralitt  la Hegel; oder um eine materiale, irreduzible 
Pluralitt, an der jeder Homogenisierungsversuch scheitert. Nur 
diese letztere liee sich aussichtsreich mobilisieren, aber auch 
nur dann, wenn sie strategische Relevanz besitzt und nicht blo 
marginaler Natur ist. Lyotards Eingestndnis, das einzige 
unberwindliche Hindernis fr die hegemonialen Tendenzen des 
konomischen Diskurses liege in der Heterogenitt der Satz-
Regelsysteme, deutet jedoch genau in diese Richtung. Wer der 
zerstrerischen Gewalt der Moderne nur Stze entgegenzusetzen 
hat, hat ihr schon nichts mehr entgegenzusetzen.
S
SSchlielich sind auch die Bundesgenossen, auf die sich der 
Postmodernismus glaubt sttzen zu knnen, alles andere als 
vertrauenerweckend. Es mag ja sein, da mit den Innovationen von 
Einstein, Heisenberg und Gdel der Totalittsanspruch der alten 
Mathesis universalis unhaltbar geworden ist. Aber erstens ist 
das mechanische Weltbild durch die neuere Physik nicht einfach 
widerlegt, sondern lediglich auf den mesokosmischen Bereich 
eingeschrnkt worden. Und zweitens kann man den Vorsto von 
Wissenschaft und Technik in den mikro- und makrokosmischen 
Bereich kaum als Beleg fr eine "Einschrnkung des 
Monopolanspruchs der Wissenschaft" oder als Anzeichen fr eine 
Beendigung der "Hegemonie szientifischer Orientierung" nehmen 
(Welsch 1988, 188, 222). Die Flexibilisierung der Wissenschaft 
und die Erweiterung ihres Methodenarsenals begrnden ihre 
Expansion, nicht ihre Selbstlimitation.
S
SWie die Postmodernisten ihre eigenen Strke berschtzen, so 
unterschtzen sie die des Gegners. Die Rede von den groen 
Erzhlungen suggeriert, da Totalitt nichts weiter sei als eine 
"Anmaung" (Lyotard 1988a, 213), eine falsche Darstellung der 
Welt, die sich jederzeit durch eine adquatere korrigieren 
liee; der Diskurs der Moderne erscheint so als das Ergebnis 
einer immer schon "illegitimen Erhebung eines in Wirklichkeit 
Partikularen zum vermeintlich Absoluten" (Welsch 1988, 5), als 
bergriff, dem kritizistisch mit dem Hinweis auf die begrenzten 
Kompetenzen des Denkens zu begegnen ist. So ungefhr 
argumentierten vor Jahrzehnten schon Popper und Albert, die sich 
weit mehr dafr interessierten, den Dialektikern totalitre 
Ambitionen nachzuweisen, als den totalisierenden Tendenzen in 
der Wirklichkeit nachzugehen. Totalitt ist aber keine Erfindung 
herrschschtiger Intellektueller, sondern eine Realitt, die 
sich nicht einfach wegdekretieren lt. Sie manifestiert sich in 
der Tendenz des Kapitals, "alle Elemente der Gesellschaft sich 
unterzuordnen oder die ihm noch fehlenden Organe aus ihr heraus 
zu schaffen" (Marx 1974, 189); sie zeigt sich in der 
Universalisierung und Globalisierung der dem Kapitalverhltnis 
eigenen Produktions- und Zirkulationsformen; und nicht zuletzt 
in der massiven Expansion der experimentellen Wissenschaften, 
die immer tiefer in die Infrastrukturen der Materie 
intervenieren und lngst keine Grenzen mehr kennen. Nicht da 
dem Postmodernismus dies vllig entginge. Aber die forcierte, 
wie immer auch inzwischen zurckgenommene oder relativierte 
Behauptung einer Postmoderne, eines Zustands also jenseits der 
fr die Moderne typischen Totalisierung, deutet auf eine 
Verharmlosung, die nicht anders als leichtfertig bezeichnet 
werden kann. Wer fr ein 'Denken des Genusses' eintritt (Vattimo 
1990, 192), mag dies tun, er drckt damit ohnehin nur die 
herrschende Orientierung aus. Er sollte aber nicht die Illusion 
verbreiten, es handle sich um mehr als den Genu von 
Henkersmahlzeiten. Das Ende der Moderne wird nicht der Aufgang 
der Postmoderne sein, sondern das Ende der Welt, genauer: der 
bewohnbaren Welt.
S
SSo jedenfalls legt es die dialektische Denkbewegung nahe, die 
das Verhltnis von Erscheinen und Verschwinden ganz anders fat 
als der Postmodernismus. Whrend der letztere das Signum der 
Epoche im Verschwinden der Einheit und im Erscheinen 
vermittlungsloser Vielfalt sieht, insistiert das dialektische 
Denken seit Hegel darauf, da die unvermittelte Vielfalt 
verschwindet und von einer absoluten, in sich differenzierten 
Einheit abgelst wird. Die Hegelsche Logik analysiert die 
Bewegung vom scheinenden zum erscheinenden Wesen, in deren 
Verlauf die dem Wesen eigenen Bestimmungen als reale und 
selbstndige Vermittlungen in die Existenz treten; die 
Geschichtsphilosophie bersetzt diesen Gedanken in einen 
historischen Proze, dessen markanteste Stationen das Erscheinen 
des Gttlichen in Christo und die Realisierung der Vernunft im 
modernen Staate sind. Marx uerte hieran berechtigte Zweifel 
und verschob die wahre Vershnung auf den Sozialismus. Am 
Grundgedanken hielt er nichtsdestoweniger fest. Auch fr ihn ist 
die Heterogenitt der modernen Gesellschaft - die 'Konkurrenz' - 
nichts Neues oder Eigenstndiges gegenber dem Wesen, sondern 
dessen Erscheinungsform. Denn das Wesen der modernen 
Gesellschaft - das Wertgesetz - besteht gerade darin, als 
Negation seiner selbst zu erscheinen, so da der Erscheinung der 
Schein von Selbstndigkeit zukommt. "Innerhalb des 
Wertverhltnisses und des darin einbegriffenen Wertausdrucks 
gilt das abstrakt Allgemeine nicht als Eigenschaft des 
Konkreten, Sinnlich-Wirklichen, sondern umgekehrt das Sinnlich-
Konkrete als bloe Erscheinungs- oder bestimmte 
Verwirklichungsform des Abstrakt-Allgemeinen (...). Diese 
Verkehrung, wodurch das Sinnlich-Konkrete nur als 
Erscheinungsform des Abstrakt-Allgemeinen, nicht das Abstrakt-
Allgemeine umgekehrt als Eigenschaft des Konkreten gilt, 
charakterisiert den Wertausdruck" (Marx 1867, 771).
S
SDiese Konzeption ist festzuhalten, weil sich nur mit ihrer Hilfe 
Einsicht in die komplizierte Architektur der modernen 
Gesellschaft gewinnen lt. Sie ist aber zugleich zu 
modifizieren, weil Marx, darin ganz Kind des 19. Jhs., die 
selbstzerstrischen Zge der Wertvergesellschaftung 
unterschtzte. Gewi, Marx sah genau, da die kapitalistische 
Produktionsweise die "Springquellen allen Reichtums untergrbt: 
die Erde und den Arbeiter" (MEW 23, 530). Er erkannte ferner mit 
einer Klarheit wie niemand vor ihm, welches selbstnegatorische 
Potential mit dem wachsenden Widerspruch zwischen notwendiger 
und berflssiger Arbeitszeit entsteht (Marx 1974, 592ff.). 
Indes war er felsenfest davon berzeugt, da, wenn schon nicht 
das Kapital, so doch die Menschheit imstande sein wrde, sich 
wie Mnchhausen am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen. Der 
Speer, der die Wunde schlug - die Wissenschaft - galt ihm als 
poena et remedium peccati. Wenn die verwissenschaftlichte 
Produktion unter kapitalistischen Bedingungen den Stoffwechsel 
zwischen Mensch und Erde strte, so zwang sie doch zugleich 
"durch die Zerstrung der blo naturwchsig entstandnen Umstnde 
jenes Stoffwechsels, ihn systematisch als regelndes Gesetz der 
gesellschaftlichen Produktion und in einer der vollen 
menschlichen Entwicklung adquaten Form herzustellen" (MEW 23, 
528). Wenn sie die Arbeitsmittel in "Unterjochungsmittel, 
Exploitationsmittel und Verarmungsmittel des Arbeiters" 
verwandelte und die "gesellschaftliche Kombination der 
Arbeitsprozesse als organisierte Unterdrckung seiner 
individuellen Lebendigkeit, Freiheit und Selbstndigkeit" 
betrieb (ebd. 528f.), so folgte sie damit nur einer geheimen 
Logik, die das, was sie den Individuen nahm, der Gattung in 
tausendfach vergrerter Form zurckerstattete. Fr Marx war die 
kapitalistische Modernisierung, wie fr die meisten brgerlichen 
Denker, ein antientropischer Proze, der, von partiellen 
Rckfllen abgesehen, mit Naturnotwendigkeit zu hheren 
Ordnungen fhrte - und zwar deshalb, weil sich hinter dem Wesen 
'Kapital' noch ein weit umfassenderes Wesen befand: die 
Menschheit. Was immer die Althusser-Schule an Gegenargumenten 
gebracht hat: Marx hat, soweit er Revolutionstheoretiker sein 
wollte, den anthropologischen Diskurs niemals verlassen.
S
SDer anthropologische Diskurs aber macht blind. Er zwingt dazu, 
die Bewegung des Scheins als eine Scheinbewegung anzusehen und 
die mit ihr verbundenen Zerstrungen in Fortschritte umzudeuten. 
Erst wenn Klarheit darber besteht, da das Kapitalverhltnis 
nicht das Werkzeug oder der Wegbereiter eines sich in der 
Geschichte entfaltenden Absolutums - der menschlichen Gattung - 
ist, sondern selbst das Absolute, erst dann werden die Folgen 
seiner Expansion als das erkennbar, was sie sind: Momente einer 
beispiellosen Verheerung und Verwstung, die zeitlich und 
rumlich begrenzte Ordnungsgewinne mit einer Steigerung der 
Unordnung in der Umgebung erkauft. Erst dann kann aber auch 
deutlich werden, da dieses Absolute - die von allen 
Umweltbezgen abgelste 'reine Gesellschaft' - nur auf Zeit 
existiert, da es im gleichen Mae, in dem es sich ausdehnt, die 
Bedingungen seiner Existenz zerstrt. Wir sind schon zu tief in 
diesen Proze verstrickt, um an seiner Grundrichtung noch etwas 
ndern zu knnen. Das Bewutsein darber, da die Gesellschaft 
des Erscheinens in Wahrheit eine Gesellschaft des Verschwindens 
ist, knnte aber vielleicht dazu beitragen, das Tempo des 
Erscheinens (und damit auch: des Verschwindens) zu verlangsamen. 
Die Transformation der Anthropologie in Entropologie, wie sie 
Claude Lvi-Strauss schon vor langer Zeit gefordert hat, wre 
dazu ein erster Schritt:
S
S"Die Welt hat ohne den Menschen begonnen und wird ohne ihn enden. Die Institutionen, die Sitten und Gebruche, die 
ich mein Leben lang gesammelt und zu verstehen versucht habe, sind die vergnglichen Blten einer Schpfung, im 
Verhltnis zu der sie keinen Sinn besitzen; sie erlauben bestenfalls der Menschheit, ihre Rolle im Rahmen dieser 
Schpfung zu spielen. Abgesehen davon, da diese Rolle dem Menschen keinen unabhngigen Platz verschafft und 
da sein berdies zum Scheitern verurteiltes Bemhen darin besteht, sich vergeblich gegen den universalen Verfall zu 
wehren, erscheint der Mensch selbst als Maschine - vollkommener vielleicht als die brigen -, die an der Auflsung einer 
ursprnglichen Ordnung arbeitet und damit die organisierte Materie in einen Zustand der Trgheit versetzt, der eines 
Tages endgltig sein wird. Seitdem der Mensch zu atmen und sich zu erhalten begonnen hat, seit der Entdeckung des 
Feuers bis zur Erfindung der atomaren Vorrichtungen, hat er - auer wenn er sich fortgepflanzt hat - nichts anderes getan 
als Millionen von Strukturen zerstrt, die niemals mehr integriert werden knnen ... Statt Anthropologie sollte es 
Entropologie heien, der Name einer Disziplin, die sich damit beschftigt, den Proze der Desintegration in seinen 
hchsten Erscheinungsformen zu untersuchen" (Lvi-Strauss 1970, 366f.).
S
SDie in diesem Band gesammelten Studien suchen die Mglickeit 
einer solchen dialektischen Entropologie auszuloten. Dies 
geschieht in einem eher indirekten Verfahren, das den neuerdings 
so gern erhobenen apokalyptischen Tonfall so weit wie mglich zu 
temperieren bemht ist - nicht aus einer Skepsis gegen den 
apokalyptischen Gedanken als solchen (fr den die Kritiker in 
diesem Buch gengend Belege finden werden), sondern aus 
Abneigung gegen die wohlfeile Instrumentalisierung, die er in 
der Regel erfhrt. Ist von der Apokalypse die Rede, so selten 
ohne den Verweis auf die Rettung, auf den neuen positiven 
Zustand, der durch allerlei Patentrezepte herbeigefhrt werden 
soll: durch weniger Konsum und mehr Spiritualitt, weniger 
Wachstum und mehr Kommunikation mit dem Bruder Regenwurm: vom 
Erhabenen zum Lcherlichen, man wei es, ist nur ein Schritt. 
Die Kritische Theorie hatte gute Grnde, als sie sich weigerte, 
positiv zu werden und statt dessen darauf bestand, das Gemeinte 
nur indirekt, auf dem Wege der Kritik, zur Sprache zu bringen.
S
SDie Kritik ist doppelgleisig angelegt. Auf der einen Seite 
verteidigt sie die Idee einer Gesellschaft des Verschwindens 
gegenber Konzeptionen, die den Proze der Modernisierung 
einseitig als Zivilisierung (Elias), als Disziplinierung 
(Foucault) oder als funktionale Differenzierung (Luhmann) 
darstellen.  Auf der anderen Seite greift sie verwandte 
Intentionen auf und versucht sie weiterzuentwickeln: Adornos 
Logik des Zerfalls oder Virilios These vom Nihilismus der 
Geschwindigkeit. Hierzu gehrt auch die Erinnerung an einen zu 
Unrecht vergessenen Autor, der als einer der ersten Technik und 
Entropie in Zusammenhang gebracht hat und deshalb als der 
'eigentliche Vater der kologischen Bewegung' (Mohler) 
bezeichnet worden ist - Friedrich Georg Jnger. Das Zentrum, um 
das die verschiedenen Studien kreisen, erschliet sich am 
leichtesten ber den Essay 'Technik und Wissenschaft als 
Hierophanie'.
S
SPA
SDie Entwicklungskurve der Zivilisation.
SEine Auseinandersetzung mit Norbert Elias
S
S
S
S
S
S
SDa der historische Proze nicht blo aus isolierten Ereignissen 
und Bruchstcken besteht, sondern einen bergreifenden Sinn zur 
Erscheinung bringt, gehrt zu den ides directrices des 
abendlndischen Denkens. Wurde dieser Sinn unter der 
Vorherrschaft christlicher berzeugungen lange Zeit als 
Heilsgeschehen bestimmt, so rckte mit der Aufklrung der 
Begriff der 'Zivilisation' in den Vordergrund. Mit ihm wurden 
zwei verschiedene Vorstellungen zusammengebracht: zum einen der 
Gedanke einer allmhlichen Sittenverfeinerung - l'adoucissement 
des moeurs im Sinne Mirabeaus des lteren; zum andern der 
Gedanke eines stufenweise sich vollziehenden geistigen und 
materiellen Fortschritts, wie er etwa in Frankreich den 
Entwrfen Raynals und Condorcets, spter den Theorien Saint-
Simons, Comtes oder Guizots zugrundelag (Moras 1930). So sah es 
auch die englische Sozialphilosophie, die, nachdem sie noch im 
18. Jh. zwischen dem Fortschritt der Hflichkeit und 
Zivilisation und demjenigen der kommerziellen Knste 
unterschieden hatte (Ferguson 1986, 366), im 19. Jh. beide 
Linien zusammenzog und den Fortschritt der Zivilisation nunmehr 
im bergang von kriegerischen, durch Zwang integrierten 
Gesellschaften zu industriell-gewerblichen Aggregaten sah, die 
einem Zustand dauernden Friedens entgegenstrebten (Spencer 1887, 
II, 124ff., 180). Nichts illustriert die berzeugungskraft 
dieser Vorstellung besser als die Tatsache, da selbst ein Marx, 
der die "tiefe Heuchelei der brgerlichen Zivilisation und die 
von ihr nicht zu trennende Barbarei" brandmarkte (MEW 9, 225), 
keine Schwierigkeiten hatte, vom "great civilizing influence of 
capital" zu sprechen und als dessen Hauptmerkmal die Umwandlung 
der Produktion in ein "System der allgemeinen Ntzlichkeit" 
herauszustellen, "als dessen Trger die Wissenschaft selbst so 
gut erscheint wie alle physischen und geistigen Eigenschaften" 
(MEW 42, 323).
S
SIm 20. Jh. ist der Chor der Skeptiker, die diese 
Selbstbeglckwnschung der Moderne nicht mehr akzeptieren, immer 
lauter geworden. Die Bedenken richten sich, wie in anderen 
Texten dieses Bandes deutlich wird, gegen die objektiven Aspekte 
des sogenannten Zivilisationsprozesses, insbesondere gegen die 
Vorstellung einer kumulativen Steigerung von Reichtum und 
Ordnung. Sie richten sich aber auch, worauf im folgenden vor 
allem der Akzent gelegt wird, auf die subjektiven Aspekte, die 
Idee des perfectionnment de l'homme (Condorcet). Stand die 
Kritische Theorie noch weitgehend allein, als sie in den 
vierziger und fnfziger Jahren im Verfall der Konventionen, im 
Absterben des zeremoniellen Moments und im Niedergang von 
Hflichkeit und Takt Indizien fr den "Zerfallscharakter der 
Zivilisation" ausmachte (vgl. Adorno, GS 4, 38ff.; ders. 1956, 
87), so mehren sich heute die Stimmen, die darin nicht blo den 
Ausdruck einer elitren Kulturkritik sehen. So konstatiert 
Richard Sennett eine allgemeine Tendenz zur Zunahme von 
"Unzivilisiertheit", die sich in Distanzverlust, 
Selbstbezogenheit und einer alle sozialen Beziehungen 
berwuchernden "Tyrannei der Intimitt" manifestiere (Sennett 
1983, 299). Neil Postman spricht vom "Verfall der civilit" und 
einer "allgemeinen Miachtung der fr Zusammenknfte im 
ffentlichen Raum geltenden Regeln und Rituale" (Postman 1983, 
151). In einem anderen vieldiskutierten Buch ist gar von einer 
"sterbenden Zivilisation" die Rede, in welcher das Leben immer 
barbarischer und kriegshnlicher werde (Lasch 1986, 261, 47). 
Paul Virilio endlich meint: "Das fortschreitende Verschwinden 
der Hflichkeit, die selber eine gespielte Aufnahme, einen 
Ersatz der primitiven Gastfreundschaft darstellte, uert sich 
heute in einer virilen Form von Kontakt, die man 'Offenheit' 
nennt, und mag letzten Endes zum gewohnheitsmigen Austausch 
schlechter Behandlung fhren" (Virilio 1978, 37).
S
SOb diese Diagnosen richtig sind, wird sich sicher nur in 
sorgfltigen empirischen Untersuchungen erweisen lassen. Bis 
dahin aber, und vielleicht als Vorbereitung dazu, mag es 
ntzlich sein, sich mit der Exposition zu befassen, die der 
Zivilisationsbegriff in der bislang grndlichsten Studie zu 
diesem Thema erfahren hat: Norbert Elias' Buch 'ber den Proze 
der Zivilisation'. Ich will im folgenden zunchst die 
wichtigsten Argumente dieses Buches skizzieren und dann einige 
Einwnde vorstellen, die sich heute, ein halbes Jahrhundert nach 
Erscheinen der ersten Auflage, aufdrngen. Abschlieend mchte 
ich die Frage errtern, ob der Zivilisationsbegriff in der ihm 
von Elias verliehenen Fassung ein Konzept ist, in dem sich die 
Problemlage der modernen Gesellschaft reflektieren lt.
S
S
S
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S
S
AABI
S
S
SElias' Untersuchung beginnt mit begriffsgeschichtlichen 
Erwgungen. Zivilisation, so der erste Befund, bedeutet im 
deutschen Sprachraum etwas anderes als in Westeuropa, namentlich 
Frankreich und England. Whrend der Begriff dort als Bezeichnung 
fr den wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, politischen und 
geistigen Fortschritt insgesamt dient, hat er im Deutschen nur 
einen eingeschrnkten Inhalt. Zivilisation ist hier ein Wert 
zweiten Ranges, eine Qualitt, die sich lediglich auf das 
uere, die Oberflche des Daseins bezieht. Die Bildung des 
Inneren dagegen, der Fortschritt auf geistigem und seelischem 
Gebiet, wird mit dem Begriff 'Kultur' belegt. Was in anderen 
Lndern des Abendlands als einheitliche und kontinuierliche 
Bewegung erscheint, zerfllt damit in Deutschland in zwei 
unterschiedliche Dimensionen, die sich zuweilen zum 
antithetischen Gegensatz verschrfen. Der Westen, lautet ein 
wichtiger Glaubenssatz der deutschen Ideologie bis hin zu den 
'Ideen von 1914', habe nur Zivilisation, wohingegen es die 
Deutschen bis zur Kultur gebracht htten.
S
SDa Elias sich dafr entscheidet, die deutsche Version als 
Ausnahme zu behandeln und nicht weiter zu verfolgen, hngt mit 
seinen Vorstellungen ber die in der gesellschaftlichen 
Entwicklung zu bewltigenden Aufgaben zusammen. Diese 
Vorstellungen sind deutlich von der Soziologie des 19. Jhs., 
insbesondere von Comte und Spencer, beeinflut. Wie der letztere 
sieht Elias die gesellschaftliche Entwicklung als Teil einer 
allgemeinen Evolution, die neben der berorganischen noch die 
organische und unorganische Entwicklung umfat und durch das 
Wechselspiel von Differenzierung und Integration vorangetrieben 
wird. Wie der erstere identifiziert er die 
Funktionsdifferenzierung mit der wirtschaftlichen Berufsteilung, 
die koordinierenden und integrierenden Institutionen mit dem 
Staat1. Eine Hierarchie dieser beiden Dimensionen kennt Elias 
nicht. Fr ihn handelt es sich um prinzipiell gleichrangige 
Erscheinungen, die jeweils unterschiedliche Aspekte ein und 
desselben Substrats darstellen - der Gesellschaft. Da er indes 
den Integrationsinstanzen die Fhigkeit zuspricht, die 
funktionsteiligen Prozesse "bis zu einem gewissen Grade (zu) 
steuern" (1971, 47)2, verschiebt sich der Fokus seiner Theorie 
stark auf die Integrationsebene, auf die Entstehung und 
Entwicklung jener Institutionen, die ber ein besonders hohes 
Steuerungspotential verfgen - die politischen Zentralorgane 
bzw., wie Elias mit Weber formuliert: die Monopolorganisationen 
physischer Gewaltsamkeit.
S
SIn dieser Vorentscheidung auf analytischer Ebene liegt die 
Wurzel der regulativen Idee von Elias' Zivilisationstheorie, der 
"Vermutung..., da der Aufbau des 'zivilisierten' Verhaltens 
aufs engste mit der Organisierung der abendlndischen 
Gesellschaften in der Form von 'Staaten' zusammenhngt (I, 
LXXVI). Je fortgeschrittener in einem bestimmten Gebiet die 
Staatsbildung, desto fortgeschrittener auch der Proze der 
Zivilisation; je unentwickelter andererseits die 
Zentralisierung, desto unentwickelter die Sitten, desto 
unvollendeter "jene Nivellierung und Angleichung der 
gesellschaftlichen Standarde (...), die fr diesen ganzen 
Zivilisationsproze charakteristisch ist" (II, 433). 
 Deutschland, das seit dem spten Mittelalter keinen Fortschritt 
im Ausbau seiner zentralstaatlichen Institutionen mehr erlebte, 
ist aus diesem Grund fr die Untersuchung des 
Zivilisationsprozesses weniger geeignet als etwa Frankreich, in 
dem diese Institutionen eine kontinuierliche Verstrkung 
erfuhren3.
S
SDen Ausbau des Zentralstaates in Frankreich unterteilt Elias in 
drei Etappen. Die erste Etappe fllt zusammen mit der Bildung 
ritterlicher Hfe zu Beginn des Hochmittelalters, welche die bis 
dahin in der weltlichen Herrenschicht dominierende Integration 
qua Kampf durch eine friedlichere und bestndigere Integration 
ersetzen. Auf diese 'ritterlich-hfische' Ordnung folgt im 16. 
Jh. die zweite Etappe, die 'hfisch-absolutistische 
Gesellschaft', die wohl im sozialen Aufbau noch an die 
stndische Gliederung des Mittelalters anknpft, auf politischer 
Ebene aber insofern eine nderung herbeifhrt, als sie die 
physische Gewalt in einer Monopolinstanz konzentriert. Die alte 
Kriegerelite wird nunmehr entmilitarisiert und in einen Hofadel 
verwandelt, was wiederum auf sozialer und wirtschaftlicher Ebene 
die Bildung lngerer und komplexerer Interdependenzketten 
ermglicht. Die funktionale Differenzierung beschleunigt sich 
und lt neue, auf Beruf und produktiver Leistung beruhende 
Eliten entstehen, die ihrerseits nach Partizipation an den 
Entscheidungen des obersten Koordinations- und 
Regulierungsorgans streben.
S
SAus dieser Entwicklung geht - nach der Zwischenstufe einer 
'erweiterten hfischen Gesellschaft', in der hfisch-
aristokratische und hfisch-brgerliche Kreise miteinander 
verkehren - das dritte und bisher letzte Stadium hervor: der 
brgerliche Nationalstaat. In ihm erreichen die Funktionsteilung 
und die allgemeine Interdependenz eine bis dahin unvorstellbare 
Dichte. Zugleich ist die Vernetzung soweit vorangeschritten, da 
die private Monopolisierung der mit der Zentralposition 
verbundenen Chancen nicht lnger perpetuierbar ist. Das 
Privatmonopol einzelner, schreibt Elias, vergesellschaftet sich 
und wird "zu einer Funktion des interdependenten 
Menschengeflechts als eines Ganzen", zu einem "ffentlichen" 
Monopol (II, 157). Darber hinaus zeichnen sich bereits Anstze 
zu einer vierten, endgltig letzten Phase der Gesamtentwicklung 
ab:
S
S"Man sieht die ersten Umrisse eines erdumfassenden Spannungssystems von 
Staatenbnden, von berstaatlichen Einheiten verschiedener Art, Vorspiele von 
Ausscheidungs- und Vormachtkmpfen ber die ganze Erde hin, Voraussetzung fr 
die Bildung eines irdischen Gewaltmonopols, eines politischen 
Zentralinstituts der Erde und damit auch fr deren Pazifizierung" (II, 452).
S
SDen hier nur knapp skizzierten Stadien der Zentralisierung 
ordnet Elias nun verschiedene Verhaltensmodelle oder -schemata 
zu, die gleichsam den subjektiven Niederschlag dieses Prozesses 
verkrpern. Der polyzentrischen Struktur des Mittelalters 
entspricht das Schema der courtoisie, das sich an den groen 
ritterlichen Feudalhfen bildet (I, 79, 136; II, 96ff., 109ff., 
354ff.). Seine Merkmale sind: eine gewisse Migung der Affekte, 
eine, freilich noch sehr begrenzte, Aufwertung derjenigen, die 
nicht ber Gewaltmittel verfgen (vor allem der Frauen), die 
Ausbildung hfischer Manieren, die das gesellige Verhalten bei 
Tisch, beim Spiel oder im Turnier regeln, die Orientierung an 
ritterlichen Tugenden, wie sie vor allem von der Kirche (miles 
christianus-Ideal), aber auch von der weltlichen Dichtung 
propagiert werden (Artusepik)4.
S
SWhrend dieses Schema den Individuen jedoch noch uerlich 
bleibt und auerhalb des Interaktionszentrums 'Hof' rasch seine 
Wirkung verliert, verdichtet sich die soziale Kontrolle mit dem 
bergang zu einer monozentrischen, auf dem Gewaltmonopol 
beruhenden Konfiguration. Anstelle der blo intermittierenden, 
nur einen kleinen Teil der ritterlichen Existenz erfassenden 
courtoisie tritt jetzt ein neues Schema der Affektregulierung, 
das Elias im Anschlu an die Manierenschriften von Erasmus, 
della Casa, La Salle u.a. als civilit bezeichnet (I, 65ff., 
89f., 136f.). Der durch die politische, soziale und 
wirtschaftliche Entwicklung in seiner Herrschaftsposition 
erschtterte Adel versucht in dieser Phase, seinen Platz an der 
Spitze der gesellschaftlichen Hierarchie durch einen verstrkten 
Einsatz von Distinktionsstrategien zu behaupten. Ein strenger 
Verhaltenscode entsteht, der mehr und mehr den gesamten Habitus 
umfat. Die hfische Interaktion, vor allem das Essen und die 
Konversation, wird stark ritualisiert, wie Elias anschaulich an 
der Geschichte des Messer- und Gabelrituals demonstriert. Die 
Kleidung wird bewut als Unterscheidungs- und Prestigemittel 
eingesetzt, ebenso die Gestik und der sprachliche Ausdruck. 
Fragen des guten Benehmens und des richtigen Geschmacks werden 
zu Fragen, die ber den Platz in der Rangordnung entscheiden 
knnen; Takt, Delikatesse und Stil zu Formen, von denen das 
soziale berleben abhngen kann. Selbst- und Fremdbeobachtung 
erreichen eine bis dahin unbekannte Intensitt, die 
psychologische Kriegfhrung wird zur unentbehrlichen Waffe in 
der Prestigekonkurrenz.
S
SAuch dieses neue, im Vergleich zur courtoisie ungleich strengere Schema der Affektmodellierung ist jedoch nach Elias in 
der Psychostruktur noch nicht sehr fest verankert. Die Tabus und Rituale des hfischen Lebens treten dem einzelnen wohl 
als klar umrissene Imperative entgegen, die ihn zu einer permanenten berwachung seiner Affekte und Triebregungen 
veranlassen. Diese aber erfolgt hauptschlich ber eine bewute Selbststeuerung, psychoanalytisch gesprochen ber 
Ich-Leistungen (Vowinckel 1983, 196). Der Hofmann mu, wie bei Castiglione nachzulesen, seine unterschiedlichen 
Fhigkeiten so ausbalancieren, da er zu einer Art vollkommenen Gesamtkunstwerks wird; er mu, wie bei Gracian, 
seine Leidenschaften bewut domestizieren, jedoch nicht, um sie abzutten, sondern um sie im geeignetsten Moment 
zu befriedigen (ebd. 95). Die soziale Kontrolle vollzieht sich deshalb noch primr ber die Vermittlung des Ichs, das sich 
den Zwngen der sozialen Umwelt anpat, aber keineswegs vllig ausliefert. Sie bleibt dem einzelnen uerlich, wirkt 
"noch nicht als automatisch funktionierender Selbstzwang, als Gewohnheit, die bis zu gewissen Grenzen auch 
funktioniert, wenn der Mensch allein ist; sondern man legt sich hier zunchst immer jemandem andern gegenber, also 
bewuter aus gesellschaftlichen Grnden, Triebverzicht und Zurckhaltung auf. Und die Art der Zurckhaltung, wie ihr 
Ma entsprechen hier der sozialen Stellung dessen oder derer, denen gegenber er sie sich auferlegt" (I, 186). Im 
Stadium der civilit ist die gesellschaftliche Verflechtung schon so stark, um die einzelnen zur Anpassung zu zwingen, 
aber noch nicht stark genug, um die Einzelheit als solche zu negieren und in einen 'Verkehrsknotenpunkt des 
Allgemeinen' (Horkheimer/Adorno) zu verwandeln.
S
SWesentlich weiter in dieser Richtung geht das Schema der 
civilisation, das in der zweiten Hlfte des 18. Jhs. die 
civilit ablst (I, 47ff.). Getragen von den Reformgruppen des 
Ancien Rgime - dem Beamtentum und den Spitzen des Brgertums - 
zielt dieses Schema auf eine Universalisierung und 
Stabilisierung der mit der civilit bereits erreichten 
Sittenverfeinerung und Rationalitt. Die Universalisierung 
impliziert die Ausdehnung der Vernunft auf die Gesetze und 
Institutionen des Landes sowie auf die Sitten der gesamten 
Nation. Elias spricht von einer Einschmelzung von 
Verhaltensweisen der funktional oberen Schichten in das der 
aufsteigenden unteren und rckt diesen Vorgang in die Nhe von 
Kolonisationsprozessen. So wie im 19. Jh. die abendlndischen 
Nationen die auereuropische Welt unterworfen und okzidentalen 
Denk- und Verhaltensmustern assimiliert htten, seien zuvor im 
Abendland selbst die Unter- und Mittelschichten den Standards 
der Oberschichten unterworfen und assimiliert worden (II, 341, 
346, 350, 420f.)
S
SDie Stabilisierung impliziert die Verfestigung der zivilisierten 
Verhaltensformen zu einem 'Panzer', der die ganze Persnlichkeit 
und jede ihrer uerungen umschliet (I, 332). Dies wird durch 
eine bereits in der frhesten Kindheit einsetzende 
Konditionierung erreicht, die darauf hinarbeitet, da sich im 
einzelnen "gleichsam als eine Relaisstation der 
gesellschaftlichen Standarde, eine automatische 
Selbstberwachung der Triebe im Sinne der jeweiligen 
gesellschaftsblichen Schemata und Modelle, eine 'Vernunft', ein 
differenziertes und stabileres 'ber-Ich' herausbildet, und da 
ein Teil der zurckgehaltenen Triebregungen und Neigungen ihm 
berhaupt nicht mehr unmittelbar zum Bewutsein kommt" (II, 
329). In diesem Sinne erfllt das ber-Ich in der brgerlichen 
Gesellschaft die Steuerungsfunktionen, die in der hfischen 
Gesellschaft noch dem Ich vorbehalten waren.
S
SElias bersieht nicht die Unterschiede zwischen diesen beiden 
Formen der Steuerung. Im Rahmen seiner Konstruktion eines 
kontinuierlich verlaufenden Zivilisationsprozesses interpretiert 
er ihre Abfolge jedoch primr als eine Steigerung der sozialen 
und psychischen Integration durch Tieferlegung der 
Kontrollmechanismen. Jene Zwnge, die im Schema der courtoisie 
und der civilit vielfach nur als uere Schranke, als 
Fremdzwang wirkten, werden jetzt verinnerlicht, mit der 
Perspektive, da dadurch der Fremdzwang zunehmend entbehrlich 
wird und irgendwann einmal ganz verschwinden kann (1983, 123f.). 
Wie diese, freilich erst nach Vollendung der Pazifizierung auf 
Weltebene denkbare, neue Form der Selbststeuerung beschaffen 
sein knnte, verrt Elias nicht. Da die Entwicklung in diese 
Richtung geht, erscheint ihm aber als ebenso ausgemacht wie die 
Tendenz zur berwindung des brgerlichen Nationalstaates (1987, 
224f.). Sind einmal die zwischenstaatlichen Spannungen 
beseitigt, so die an Kants Vision vom 'Ewigen Frieden' 
erinnernde Schlupassage des Zivilisationsbuches, kann sich die 
Regelung der sozialen Beziehungen auf das rein sachlich 
Notwendige beschrnken, und knnen sich die Spannungen und 
Widersprche auch in den Menschen selbst mildern. Dann erst 
braucht es nicht mehr die Ausnahme, sondern
S
S"kann es die Regel sein, da der einzelne Mensch jenes optimale Gleichgewicht seiner Seele findet, das wir so oft mit 
groen Worten, wie 'Glck' und 'Freiheit' beschwren: ein dauerhaftes Gleichgewicht oder gar den Einklang zwischen 
seinen gesellschaftlichen Aufgaben, zwischen den gesamten Anforderungen seiner sozialen Existenz auf der einen Seite 
und seinen persnlichen Neigungen und Bedrfnissen auf der anderen" (II, 454. Hervorh. i.O. gestr.).
S
SDie groe Linie ist damit klar. Zivilisation ist fr Elias ein 
Proze, in dessen Verlauf sich immer strengere Schemata der 
Selbstkontrolle herausbilden und sowohl immer weitere 
Bevlkerungskreise ergreifen als auch psychostrukturell immer 
tiefer gelagert werden. Dieser Proze ist die subjektive Seite 
eines gesamtgesellschaftlichen Differenzierungs- und 
Integrationsvorgangs, der zu einer immer perfekteren Kontrolle 
der Gesellschaft ber die Naturbedingungen ihres berlebens wie 
ber die Bedingungen des sozialen Zusammenlebens fhrt5. Elias 
verschweigt nicht den Preis, den die Individuen dafr zahlen 
mssen: die permanente Konditionierung, die Verdrngung und 
Ansthesierung von Triebregungen, den Aufbau von inneren 
ngsten, die Wahrscheinlichkeit der neurotischen Erkrankung. 
Insgesamt sieht er aber diese Kosten mehr als aufgewogen durch 
die Distanzierungs- und Steuerungsgewinne, die dem einzelnen 
sowohl als der Gesellschaft in diesem Proze zuwachsen. Etwas 
vereinfacht lt sich dieser Proze in dem folgenden Schema 
darstellen:
S
S
S
S
AABSoziogenese   Ritterlich   Hfisch-   Brgerlich   ' Welt'-
              hfische     absolu-    indu-         gesell-
              Gesell-      tistische  strielle      schaft
              schaft       Gesell-    Gesell-
                           schaft     schaft



Steuerungs-   Feudalhof    Absoluti-  National-   Weltstaat
Zentrum                    stischer   Staat
                           Staat


Verhaltens-   courtoisie   civilit   civilisa-   Weltzivi-
Code                                  tion        lisation


Psychogenese  Es/Ich       Ich-Domi-  ber-Ich-   Gleichge-
              (undiffe-    nanz       Dominanz    wicht von
               ziert)                             Ich, Es,
                                                  ber-Ich


PA
II
S
S
AAF	1. Auch der voreingenommene Betrachter wird zugestehen, da Elias' 
Rekonstruktion des Zivilisationsprozesses groe Strken hat. Der 
figurationssoziologische Ansatz trgt politischen, konomischen und 
psychologischen Faktoren gleichermaen Rechnung und gelangt damit zu 
einem breit angelegten Panorama der zivilisatorischen Entwicklung. Die 
konstitutive Rolle der Hfe in der ritterlich-feudalen und 
absolutistischen Gesellschaft wird einleuchtend begrndet, die Bildung 
von Gewalt- und Abgabenmonopolen schlssig nachgezeichnet; lediglich 
die Rolle der Religion wird zu wenig beachtet, was mglicherweise bei 
vergleichenden Untersuchungen ein Nachteil sein knnte. Zu den 
Glanzstcken des Buches gehrt die Herausarbeitung des Parallelismus 
von Soziogenese und Psychogenese, mit der gleichsam eine Brcke 
zwischen der Herrschaftssoziologie Webers, der Differenzierungstheorie 
in der Tradition Durkheims und Spencers und der Freudschen 
Psychoanalyse geschlagen wird.

	Dennoch drngen sich bei einer genaueren Betrachtung drei Einwnde 
auf, die zwar aus unterschiedlichen theoretischen Zusammenhngen 
stammen, gleichwohl miteinander kompatibel sind6.

	Der erste Einwand ergibt sich aus der dialektischen Theorie und 
richtet sich gegen den soziogenetischen Strang der 
Zivilisationstheorie. Elias, so erscheint es aus dieser Sicht, hat nur 
eine unzureichende Vorstellung von den Integrationsproblemen, die mit 
einem bestimmten Grad der Funktionsdifferenzierung auftreten. Seine 
These, da die Entwicklung zur modernen Gesellschaft von einer immer 
"strafferen Regulierung und berwachung des gesamten 
gesellschaftlichen Verkehrs von stabilen Zentralen" aus begleitet sei 
(II, 227), bersieht, da ein durch kapitalistische Warenproduktion 
bestimmtes System nicht direkt durch die Vorgaben eines planenden 
Zentrums, sondern nur indirekt durch die Vermittlung des Marktes 
gesteuert wird. Das, was ihre Arbeiten gesellschaftlich gelten, 
erfahren die - individuellen oder korporativen - Produzenten immer nur 
post festum, in der Besttigung ihrer Produkte als Wertgren, die 
erst nach Abschlu der Produktion, im Austausch, mglich ist. Hier 
jedoch gilt,

	"da die unabhngig voneinander betriebenen, aber als naturwchsige Glieder der gesellschaftlichen Teilung der Arbeit 
allseitig voneinander abhngigen Privatarbeiten fortwhrend auf ihr gesellschaftlich proportionelles Ma reduziert werden, weil 
sich in den zuflligen und stets schwankenden Austauschverhltnissen ihrer Produkte die zu deren Produktion gesellschaftlich 
notwendige Arbeitszeit als regelndes Naturgesetz gewaltsam durchsetzt, wie etwa das Gesetz der Schwere, wenn einem das Haus 
ber dem Kopf zusammenpurzelt" (Marx, MEW 23, 89).
AAF
	Unter diesen Umstnden ist es eine sehr verkrzte 
Betrachtungsweise, wenn man, wie Elias, Unberechenbarkeit und Willkr 
primr in der physischen Gewaltsamkeit lokalisiert und aus der 
unbestreitbaren Tatsache ihrer Kasernierung im modernen Staat auf eine 
Zunahme der gesamtgesellschaftlichen Stabilitt und Kalkulierbarkeit 
schliet. Auch und gerade nach der Bildung von Gewaltmonopolen auf dem 
Territorium einzelner 'Staatsgesellschaften' bleibt mit dem nationalen 
Binnenmarkt und dem Weltmarkt eine Dimension des Zufalls und der 
Anarchie, die sich individuellen Handlungskalklen grundstzlich 
entzieht. Und obschon dies keineswegs bedeutet, da es die brgerlich-
industrielle Gesellschaft nicht zu Einheit und Integration zu bringen 
vermag, heit es doch immerhin, da sich diese Einheit und Integration 
"nur a posteriori als innre, stumme, im Barometerwechsel der 
Marktpreise wahrnehmbare, die regellose Willkr der Warenproduzenten 
berwltigende Naturnotwendigkeit" durchsetzt. Elias hat recht, wenn 
er darauf hinweist, da die Kasernierung der politischen Gewalt einen 
wichtigen Schritt zur berwindung des Naturzustands darstellt. Er 
vergit jedoch hinzuzufgen, da sich dieser Naturzustand unter 
brgerlichen Produktionsbedingungen in anderer Form wiederherstellt: 
gewhrleistet doch die Konkurrenz die Existenz der Individuen nur auf 
die Weise, "wie auch im Tierreich das bellum omnium contra omnes die 
Existenzbedingungen aller Arten mehr oder minder erhlt" (ebd. 377).

	Diese berlegung zwingt dazu, einen der Eckpfeiler von Elias' 
Konstruktion zu problematisieren: die Idee eines Kontinuums der 
Vergesellschaftung, das sich von der ritterlich-hfischen ber die 
hfisch-absolutistische bis hin zur brgerlich-industriellen 
Gesellschaft erstreckt. Wohl lt sich die Entwicklung von den 
feudalen Minnehfen zu den Residenzen des Barockzeitalters unter dem 
Blickwinkel einer Verdichtung und Intensivierung hfischen Lebens 
begreifen, und kann die Ausbildung einer 'guten Gesellschaft' verfolgt 
werden, deren Auslufer bis in die brgerlichen Salons des 19. Jhs. 
reichen. Diese Art der sozialen Verknpfung, die im wesentlichen auf 
Interaktion, d.h. auf Kommunikation unter Anwesenden beruht, mu indes 
strikt von dem Vergesellschaftungsmodus getrennt werden, der fr eine 
entfaltete Marktgesellschaft typisch ist. Vergesellschaftung ber den 
Markt ist eine paradoxe Form von Vergesellschaftung. Sie erzeugt auf 
der einen Seite, wie Elias richtig gesehen hat, ein hochkomplexes 
System von Interdependenzen, in dem die Individuen so stark vernetzt 
sind wie niemals zuvor in der Geschichte. Auf der anderen Seite aber 
treibt sie durch die Forcierung der Konkurrenz und durch die 
Universalisierung der brgerlichen Rechtsprinzipien den 
Vereinzelungsproze in einer historisch ebenfalls beispiellosen Weise 
voran. Markt, das kann man nicht nachdrcklich genug hervorheben, 
aggregiert nicht nur, er disaggregiert auch; schafft nicht nur neue 
Verflechtungen, sondern negiert immer auch die Verflechtungen, die er 
selbst erzeugt hat.

	Das lt sich bereits am Schicksal der kleinsten sozialen Einheit 
zeigen, in der Elias mit Recht das Konditionierungsinstrument der 
brgerlichen Gesellschaft par excellence sieht: der Kleinfamilie. 
Selbst ein Produkt des modernen Differenzierungsprozesses, in dessen 
Verlauf die produktive Lohnarbeit vorrangig den mnnlichen 
Erwachsenen, die nichtproduktive Subsistenzarbeit einschlielich der 
Kindererziehung dagegen den Frauen zugewiesen wurde, befindet sich 
dieser Familientypus heute durch die rechtliche und zunehmend auch 
faktische Gleichstellung der Frauen in einer fortschreitenden Erosion. 
Die Individuen werden aus den bis dahin gltigen, quasistndischen 
Vorgaben des Geschlechts herausgelst und gezwungen, sich selbst zum 
Zentrum ihres eigenen Lebens zu machen. Die fr die Moderne typische 
Temporalisierung erfat auch die Ehe und unterwirft sie den Rhythmen 
der 'seriellen Monogamie' (Shorter). Die Familie wird zur 
'Verhandlungsfamilie auf Zeit' (Beck), deren Mitglieder einen 
stndigen Kampf um den Ausgleich zwischen beruflichen und emotionalen 
Interessen ausfechten mssen. Die Fragmentierung und Atomisierung 
ergreift damit unwiderruflich auch jenen Bereich, der noch dem frhen, 
puritanischen Brgertum als ein so sicheres Fundament gegolten hatte, 
da es von ihm her die gesamte Gesellschaft erneuern zu knnen 
geglaubt hatte.

	"In dem zu Ende gedachten Marktmodell der Moderne wird die familien- und ehelose Gesellschaft unterstellt. Jeder mu 
selbstndig, frei fr die Erfordernisse des Marktes sein, um seine konomische Existenz zu sichern. Das Marktsubjekt ist in letzter 
Konsequenz das alleinstehende, nicht partnerschafts-, ehe- oder familien'behinderte' Individuum. Entsprechend ist die 
durchgesetzte Marktgesellschaft auch eine kinderlose Gesellschaft - es sei denn, die Kinder wachsen bei mobilen, 
alleinerziehenden Vtern und Mttern auf" (Beck 1986, 191).
AAF
	Man mu nur einen Blick auf die Geburtenrate in der Bundesrepublik 
werfen, um sich vom Realittsgehalt dieser berlegungen zu berzeugen.

	hnliche Dekompositionserscheinungen zeigen sich auch an 
komplexeren sozialen Aggregaten, die einmal die Struktur der 
brgerlichen Industriegesellschaft prgten. Insbesondere der 
Klassenbegriff, der sich noch im 19. Jh. brgerlichen und 
sozialistischen Theoretikern gleichermaen aufdrngte, hat in den 
fortgeschrittenen kapitalistischen Lndern seine Bedeutung fr die 
Bildung kollektiver Identitten fast vllig verloren. "Der 
unermeliche Druck der Herrschaft", so hat Adorno dies bereits vor 
mehr als vierzig Jahren formuliert, "hat die Massen so dissoziiert, 
da noch die negative Einheit des Unterdrcktseins zerrissen wird, die 
im neunzehnten Jahrhundert sie zur Klasse macht" (Adorno, GS 8,377). 
Nicht da der Gegenstand des Begriffs - die objektive Bndelung von 
Ungleichverteilungen - damit verschwunden wre: soziale Ungleichheiten 
haben nicht ab-, sondern zugenommen. Aber die Auflsung 
klassenspezifischer Lebensformen durch die Erhhung des 
gesamtgesellschaftlichen Konsumniveaus, der Rckgang des 
Beschftigtenanteils im industriellen Sektor, der - in den USA 
besonders drastische - Bedeutungsverlust der Gewerkschaften, die 
allgemeine Schrumpfung der 'Erwerbsarbeitsgesellschaft' (Beck) in den 
hochindustrialisierten Lndern, die Bewltigung der 
Massenarbeitslosigkeit in Form von Unterbeschftigung und 
lebensphasenspezifischer Verteilung der knapper gewordenen Lohnarbeit 
- dies alles hat zu einer Erosion der im Klassenbegriff immer 
mitgedachten kollektiven Identitt gefhrt, durch welche die 
Individuen in zunehmendem Mae auf sich selbst zurckgeworfen werden. 
Soziale Klassen, urteilt Luhmann zutreffend, sind heute Schichten, 
"die darauf verzichten mssen, Interaktion zu regulieren" (Luhmann 
1985c, 131; zur Diskussion ber den Klassenbegriff vgl. auch Ritsert 
1987).

	Vielleicht mu man noch einen Schritt weitergehen und von einer 
Erosion der fr die soziale Identittsbildung konstitutiven Sphre der 
ffentlichkeit schlechthin sprechen. Fr Elias steht eine derartige 
Mglichkeit ganz auer Betracht, obwohl der Verfall der aus dem 19. 
Jh. berkommenen Formen von ffentlichkeit zu den Kardinalthemen der 
Weimarer Republik gehrte (Schmitt 1979a): der die Bildung von 
Gewaltmonopolen begleitende Proze der sozialen Verflechtung macht es 
der Zivilisationstheorie zufolge an einem bestimmten Punkt der 
Entwicklung unausweichlich, die privaten Verfgungschancen ber die 
politischen und wirtschaftlichen Apparate aufzuheben und die 
Privatmononopole in ffentliche Monopole umzuwandeln (II, 148ff., 
438ff.). Aus heutiger Sicht ist die Moderne jedoch nicht nur durch 
eine Erweiterung des ffentlichen auf Kosten des Privaten 
gekennzeichnet, sondern ebenso durch eine Privatisierung des 
ffentlichen, durch die wesentliche Merkmale von ffentlichkeit 
zerstrt werden. Dies gilt, worauf schon Habermas hingewiesen hat, fr 
den Aufstieg der Verbnde und der Massenmedien, die die kritische 
Publizitt durch eine manipulativ erzeugte verdrngen (Habermas 1968). 
Es gilt aber auch in dem umfassenderen Sinne einer berlagerung und 
Modifizierung spezifisch ffentlicher Denk- und Verhaltensmodelle 
durch die private Vorstellungswelt, wie sie Richard Sennett in seinem 
Buch ber das Verschwinden des Public Man darstellt. Die moderne 
Gesellschaft erscheint danach nicht als eine zivilisierte, durch 
Selbstdistanz und rationale Interessenverfolgung bestimmte Vereinigung 
von Menschen, sondern im Gegenteil als ein Ensemble 'destruktiver 
Gemeinschaften', in denen manche sogar eine Wiederkehr der 
Stammesverbnde zu entdecken glauben7.In der 'intimen Gesellschaft' 
der Gegenwart, so Sennett, haben die Menschen die Fhigkeit verloren, 
ffentlich, d.h. unter Absehung von ihrer je besonderen Person, zu 
handeln. Die soziale Interaktion schrumpft zu einem bloen Medium des 
Selbstausdrucks und der Selbstvergewisserung, die Aktivitt zu einer 
nicht endenden Suche nach narzitischen Gratifikationen, die sich 
nicht zuletzt im Streben nach Identifikation mit grandiosen 
'Kollektivpersnlichkeiten' realisiert (Sennett 1983, 251ff.). Auch 
wenn Sennetts Ursachenerforschung mit dem Hinweis auf Erscheinungen 
wie Skularismus und Symbolismus etwas bla ausfllt und in ihren 
historischen Partien nicht durchweg zu berzeugen vermag, sollte die 
Erfahrung mit den Massenbewegungen dieses Jahrhunderts Anla genug 
sein, seine Hypothesen nicht auf die leichte Schulter zu nehmen8.

	Die Entwicklung der modernen Gesellschaft, dies kann als Resmee 
des 'dialektischen' Einwands gegen die Zivilisationstheorie 
festgehalten werden, lt sich nicht einfach unter dem Gesichtspunkt 
einer stndigen Ausdehnung der sozialen Verflechtung begreifen, die 
Konkurrenz nicht blo als Medium, das die Bildung immer umfassenderer 
und hherstufiger Aggregate vorantreibt. Vielmehr ist auch das 
Gegenteil zu beobachten. Soziale Verknpfungen, die mit der 
brgerlichen Gesellschaft entstanden sind, werden dekomponiert, 
Solidarittsbeziehungen ausgednnt oder ganz gesprengt. 
Marktvergesellschaftung bedeutet Steigerung der Interdependenz und 
Atomisierung des Sozialen, Vernetzung und Negation aller Bindungen - 
asoziale Sozialitt. Sie forciert die Differenzierung und zerstrt 
doch zugleich durch die universale Vergleichbarkeit aller Arbeiten im 
Tauschwert die Bedingungen der Mglichkeit von Differenz. Sie erzwingt 
eine immer dichter werdende Integration der Gesellschaft und 
verhindert doch, da daraus ein gesellschaftliches Subjekt entsteht. 
Die Integration vollzieht sich hinter dem Rcken der handelnden 
Individuen und macht sich in einer Form geltend, die unmittelbar 
betrachtet als das Gegenteil aller Integration erscheint. Durch ihre 
einseitige Fixierung auf Synthese, die Regressionen zwar nicht 
ausschliet, aber eher als zufalls- denn als systemgeneriert versteht 
(1987, 184), verstellt sich die Zivilisationstheorie die Einsicht in 
den Umstand, da die Logik der Vergesellschaftung auch eine 'Logik des 
Zerfalls' (Adorno) ist. Sie fllt damit noch hinter den 
Reflexionsstand der lteren Soziologie von Comte bis Durkheim zurck, 
der bei allem Vertrauen in die Integrationskraft des Staates oder die 
solidarittsstiftenden Wirkungen der Arbeitsteilung die negative Seite 
der funktionalen Differenzierung nie ganz aus dem Blickfeld geriet. 
Bedenkt man, da 'ber den Proze der Zivilisation' in unmittelbarer 
Zeitgenossenschaft mit der grten Krise der modernen 
Weltwirtschaftsordnung entstand, kann man sich ber diesen 
Reflexionsverlust nicht genug wundern.



	2. Diese Kritik wird durch den zweiten Einwand erhrtet, der sich 
aus dem Gang der psychoanalytischen Theoriebildung ableiten lt. Die 
Integration Freudscher Begriffe, insbesondere des Strukturmodells des 
psychischen Apparats, gehrt zweifellos zu den starken Seiten der 
Zivilisationstheorie, ermglicht sie es doch Elias, auf 
psychogenetischer Ebene die Unterschiede zwischen brgerlichen und 
vorbrgerlichen Formen weitaus genauer zu erfassen, als es ihm auf 
soziogenetischer Ebene gelingt. So arbeitet Elias przise den Wechsel 
in der Konditionierungsinstanz heraus - den bergang von der 
ffentlich-hfischen zur privat-familialen Form der 
Affektmodellierung. So erkennt er richtig den Wechsel in der 
Konditionierungsmethode - die Umwandlung von Fremdzwang in Selbstzwang 
via Verinnerlichung und Identifikation. Und so vermag er schlielich 
auch deutlich zu machen, zu welch neuartigem Ergebnis diese 
Vernderungen fhren: einem Sozialcharakter, der durch eine bisher 
nicht dagewesene Differenzierung zwischen Ich- und ber-Ich-Funktionen 
auf der einen und Triebfunktionen auf der anderen Seite gekennzeichnet 
ist (vgl. II, 390f.; 1987, 85).

	Diese Einsichten fhren Elias jedoch nicht zu einer Revision 
seiner These vom zivilisatorischen Kontinuum. Im Gegenteil. Wie der 
brgerliche Nationalstaat ihm nur als Steigerungsform der mit dem 
Absolutismus bereits erreichten Zentralisierung gilt, so erscheint ihm 
auch das brgerliche Schema der Affektregulierung letztlich nur als 
Fortfhrung und Verdichtung des hfischen Schemas, was nicht nur in 
expliziten Formulierungen, sondern weit mehr noch stilistisch in der 
hufigen Verwendung des Komparativs seinen Ausdruck findet: so etwa, 
wenn Elias vom "bergang zu einem 'rationaleren' Verhalten und Denken, 
ebenso wie (dem) zu einer strkeren Selbstkontrolle" spricht (II, 
394), wenn er den "Zwang zu einer differenzierteren 
Selbstdisziplinierung, zu einer festeren ber-Ich-Bildung" heraushebt 
(II, 351), die Ausbildung einer "stabilere(n), zum guten Teil 
automatisch arbeitende(n) Selbstkontrollapparatur" vermerkt (II, 320) 
oder die Durchsetzung eines "affektneutraleren" Gesamtverhaltens 
behauptet (II, 373f.). Gewi: der brgerliche Sozialcharakter ist 
anders als der aristokratische. Aber fr Elias ist er dies vor allem 
im Sinne eines Mehr an Kontroll- und Steuerungskapazitten, welche im 
aristokratischen Charakter in nuce bereits angelegt waren. Und er 
besitzt dieses Mehr hauptschlich deshalb, weil die brgerliche, 
familial vermittelte Erziehung einen erfolgreichen Weg gefunden hat, 
um die soziale Kontrolle in das Individuum hineinzuverlagern: die 
Verinnerlichung.

	Aus psychoanalytischer Sicht kann man diese Auffassung nur als 
sehr selektiv bezeichnen (Lasch 1985, 712ff.). Da die Verinnerlichung 
ein bedeutendes Mittel der zivilisatorischen bzw. kulturellen 
Entwicklung ist, die Voraussetzung dafr, da aus Kulturgegnern 
Kulturtrger werden (Freud IX, 145), ist zwar ein Grundmotiv Freuds, 
der in seinen Arbeiten hufig die disziplinierenden und 
sozialisierenden Funktionen des ber-Ichs hervorgehoben hat: das ber-
Ich ist die Basis der Religion, der Moral und des sozialen Empfindens, 
es ist der "Trger der Tradition, all der zeitbestndigen Wertungen, 
die sich auf diesem Wege ber Generationen fortgepflanzt haben" (Freud 
I, 505), es tritt dem Individuum als ein kategorischer Imperativ 
entgegen und bewirkt dadurch jene Umwandlung, durch die es erst 
moralisch und sozial wird (Freud III, 315; IX, 145). Im Gegensatz zu 
Elias sieht Freud in diesem Mechanismus jedoch nicht erst eine 
Errungenschaft der Neuzeit; darber hinaus macht er klar, da es sich 
um eine hchst ambivalente Einrichtung handelt. Das ber-Ich ist 
nmlich nicht nur, wie Elias meint, ein "Abdruck der Gesellschaft im 
Innern" (I, 173), es ist gleichzeitig "der Erbe des dipuskomplexes 
und somit Ausdruck der mchtigsten Regungen und wichtigsten 
Libidoschicksale des Es. Durch seine Aufrichtung hat sich das Ich des 
dipuskomplexes bemchtigt und gleichzeitig sich selbst dem Es 
unterworfen. Whrend das Ich wesentlich Reprsentant der Auenwelt, 
der Realitt ist, tritt ihm das ber-Ich als Anwalt der Innenwelt, des 
Es gegenber" (Freud III, 3O3).

	Diese Aussage bedarf einer kurzen Erluterung. Freud teilt mit 
Elias die Auffassung, da das ber-Ich im einzelnen die 
gesellschaftliche Allgemeinheit vertritt und damit als Conditio sine 
qua non der Zivilisation bzw. der Kultur fungiert. Whrend Elias 
jedoch dazu neigt, die Aufrichtung dieses ber-Ichs eher 
behavioristisch als Ergebnis von Konditionierungsvorgngen anzusehen, 
eine triebtheoretische Begrndung jedenfalls nicht gibt9, kreisen 
Freuds Bemhungen gerade um diese letztere. Das Soziale, so sein 
Gedanke, kann nur dann im einzelnen seinen Niederschlag finden, wenn 
es sich mit bestimmten Triebregungen legiert und in der Triebkonomie 
selbst einen Sttzpunkt findet. Dies geschieht nach Freud primr in 
der dipalen Phase. Das Kind mu auf dieser Stufe seiner Entwicklung 
auf die intensiven Liebes- und Feindseligkeitswnsche gegenber seinen 
Eltern vezichten, und es lst diese Aufgabe durch Identifizierung, 
durch Neuschpfung des aufgegebenen Objekts in seinem Innern (Freud I, 
502). Teile der libidinsen Energien flieen dem 'Ich-Ideal' zu, 
dessen Definition bei Freud allerdings starken Schwankungen unterliegt 
(vgl. Chasseguet-Smirgel 1981, 215ff.); Teile der aggressiven 
Energien, namentlich die Kastrations- und Todeswnsche gegen den 
dipalen Rivalen, dem Gewissen und dem Schuldgefhl, den wichtigsten 
Komponenten des ber-Ichs (Freud III, 304). Die sozialisierende 
Leistung des ber-Ichs ruht somit triebkonomisch gesehen auf einem 
asozialen, ja antisozialen Fundament: der Aggression, die gleichsam 
nur von auen nach innen umgelenkt wird.

	Diese Zusammenzwingung zweier entgegengesetzter Tendenzen fhrt 
nach Freud zu einer uerst labilen Konstellation. Schon in 'Das Ich 
und das Es' notiert er, da je mehr ein Mensch seine Aggression nach 
auen einschrnke, er desto aggressiver und strenger in seinem ber-
Ich werde. Das ber-Ich werde 'hypermoralisch' und wende sich mit der 
gleichen Grausamkeit gegen das Ich wie in anderen Konflikten das Es 
(Freud III, 320f.). Was hier noch rein individualpsychologisch als 
Neigung zur Zwangsneurose oder zur Melancholie diagnostiziert wird, 
wird spter zu einer These ber die Pathologie der kulturellen 
Gemeinschaften erweitert. Der Preis fr den Kulturfortschritt, heit 
es in 'Das Unbehagen in der Kultur', liege in der "Glckseinbue durch 
die Erhhung des Schuldgefhls" (Freud IX, 26O). Bereits in der 
Familie sei das Zusammenleben nur mglich durch den Verzicht auf die 
dipalen Bedrfnisse und durch die Einsetzung des Gewissens. Jede 
Erweiterung der sozialen Verbnde setze diesen Konflikt fort und habe 
eine weitere Steigerung des Schuldgefhls zur Folge. Der Kulturproze 
gehorcht einer unheilvollen Mechanik. Je mehr im Laufe der 
Vergesellschaftung die unmittelbare Aggression zwischen den Individuen 
abgebaut wird, desto mehr baut sie sich in den Individuen auf. Je 
geringer die Macht der Triebe und Affekte im sozialen Verkehr, desto 
grer die 'gesellschaftliche Produktion von Unbewutheit' (Erdheim) 
und der Druck des Verdrngten auf das Ich (vgl. Freud IX, 258f.). Da 
der Mensch jemals jenes "optimale Gleichgewicht seiner Seele" finden 
knnte, wie Elias dies fr den vollendeten Zivilisationsproze in 
Aussicht stellt, mu nach Freud als eine naive Utopie angesehen 
werden.

	Es ist bekannt, da Freud trotz dieser dsteren Perspektive dem 
Ich noch gengend Kraft zutraute, um - notfalls mit Untersttzung der 
Psychoanalyse - der Wiederkehr des Verdrngten standzuhalten. Und es 
ist auch bekannt, worauf sich dieses Vertrauen grndete: auf die 
Annahme, da das ber-Ich der Erbe des dipuskomplexes sei und "erst 
nach der Erledigung desselben" eingesetzt werde (Freud 1964, 85): in 
einem Stadium mithin, in dem die psychosexuelle Entwicklung und die 
Ich-Reifung bereits ein gewisses Niveau erreicht haben. Der Einbruch 
des Sozialen, so kann man zugespitzt formulieren, erfolgt im 
Freudschen Modell auf einer Stufe, auf der das Ich bereits eine solche 
Strke erreicht hat, da es seine unterschiedlichen Phantasien, 
Wnsche und Objektbeziehungen zu einem kohrenten Funktionssystem zu 
integrieren vermag (vgl. Jacobson 1978, 136ff.)

	Dieses Modell ist durch den Fortschritt der psychoanalytischen 
Erkenntnis nach Freud sowohl auf individual- wie auf 
sozialpsychologischer Ebene relativiert worden. Auf 
individualpsychologischer Ebene erhellten die wie immer auch 
unterschiedlichen und z.T. gegenstzlichen Forschungen der Englischen 
Schule, der genetischen oder strukturalistischen Schule und der 
Narzimus-Theorie die grundlegende Bedeutung, die der prdipalen 
Entwicklung im Rahmen des Sozialisationsvorgangs zukommt. Melanie 
Klein, Ernest Jones u.a. entdeckten die archaischen Vorstufen des 
ber-Ichs, die weniger durch Introjektionen der ueren Realitt als 
vielmehr durch Einverleibungen vor allem der destruktiv-sadistischen 
Projektionen des Kleinkindes bestimmt sind (vgl. Klein 1928/1985; 
1973, 21, 157ff.; Jones 1978). Ren Spitz, Margaret S. Mahler u.a. 
arbeiteten die konstitutive Funktion der Mutter-Kind-Dyade bzw. 
Symbiose sowie des Loslsungs- und Individuationsvorgangs heraus und 
dokumentierten die vielfltigen pathogenen Wirkungen, die ein 
psychotoxisches oder unzureichendes Verhalten der Mutter auf die 
Psyche des heranwachsenden Kindes haben kann (vgl. Spitz 1967; Mahler 
1972, 1978). Autoren wie Kohut und Kernberg endlich erklrten die 
zunehmende Zahl von Charakterstrungen mit einer mangelhaften Ablsung 
der narzitischen Energien von archaischen Objekten wie dem Gren-
Selbst und den idealisierten Eltern-Imagines (Kohut 1976; Kernberg 
1978). Freuds Vorstellungen erwiesen sich vor diesem Hintergrund nicht 
als falsch, wohl aber als zu stark auf die vterliche Intervention in 
der dipalen Phase fixiert.

	Noch weiter relativiert wurden diese Vorstellungen durch die 
psychoanalytisch orientierte Sozialpsychologie, die mit plausiblen 
Argumenten auf den Klassencharakter und die Historizitt der von Freud 
beschriebenen dipalen Konfiguration hinwies. Klassencharakter: denn 
diese Konfiguration, die durch die Intensitt der Mutter-Kind-Symbiose 
sowie durch die Sprengung derselben durch den verbietenden und Distanz 
zum Lustprinzip erzwingenden Vater bestimmt ist, spiegelt eindeutig 
die Zwnge der brgerlichen Kleinfamilie mit ihrer scharfen 
Rollentrennung. Historizitt: denn dieser Familientypus kann 
angesichts vernderter Arbeitsbedingungen und 
Geschlechtsrollenzuweisungen als kulturell nicht mehr so bestimmend 
wie noch zu Freuds Zeiten angesehen werden.

	Dafr sind viele Ursachen verantwortlich, die hier nur angedeutet 
werden knnen: die 'Entwertung all der Eigenschaften, die einmal die 
Vaterkultur getragen haben' (Mitscherlich), in erster Linie der 
individuellen Arbeitserfahrung und des familialen Besitzes von 
Produktionsmitteln; die Entstehung eines nivellierten Gesamtarbeiters 
(Marx), in dem die Proletarisierung Massenschicksal ist; die 
Ausdifferenzierung und Entkoppelung vormals in der Familie 
zusammengefater Lebenslagen; die 'Polizierung' der Familie durch 
brokratische Regelung und Verrechtlichung; schlielich die 
'Sozialisierung' der Elternfunktion durch Massenmedien, peer groups 
und Therapeuten. Das Stadium der 'individualistischen 
Vergesellschaftung' (Adorno), in dem sich Sozialisation ber die 
Identifikation mit einer zugleich bedrohlichen und idealisierten 
Person vollzog, scheint vorber zu sein. "Die unterdrckende 
Trieborganisation scheint kollektiv, und das Ich durch ein ganzes 
System extrafamilialer Einrichtungen und deren Vertreter vorzeitig 
sozialisiert zu sein" (Marcuse 1967, 98; vgl. Mitscherlich 1968, 
185ff., 310ff.; Lasch 1986, 179ff.).

	Da Marcuse hier von vorzeitiger Sozialisierung spricht, meint 
nicht mehr und nicht weniger, als da der Zugriff des Ganzen auf das 
Individuum zu einem Zeitpunkt erfolgt, in dem der psychosexuelle 
Reifungsproze noch nicht zur Herausbildung eines stabilen und 
kohrenten Ichs gefhrt hat. Zahlreiche Diagnosen stimmen darin 
berein, da unter den gegenwrtigen Bedingungen des abwesenden Vaters 
ein groer Teil der psychischen Energien an prdipale Objekte 
gebunden bleibt, so da fr den Aufbau und die Besetzung reifer Ich- 
und ber-Ich-Strukturen nur ein vermindertes Quantum zur Verfgung 
steht. Die Folge ist, da die frhkindliche Entwicklung gar nicht mehr 
bis zum entscheidenden dipalen Konflikt gelangt, was wiederum 
zugleich bedeutet, da die prdipalen, archaischen Anteile des ber-
Ichs gegenber den dipalen ein bergewicht erlangen.

	"So haben wir heute das folgende Problem: die hemmende, kontrollierende und leitende Funktion des berichs, die heute 
weitgehend mit der des Ichs zusammenfllt, ist durch die Schwche der Eltern, die nachgiebige Erziehung und das 
gesellschaftliche Klima abgeschwcht. Die sexuellen und aggressiven Triebe halten sich immer weniger an Regeln. Aber wir haben 
immer noch das strengere berich aus der frhen Kindheit, das in der Tiefe des Individuums fortlebt. Daraus resultieren Unruhe, 
Unbehagen, depressive Verstimmungen und Sucht nach Ersatzbefriedigungen"10.
AAF
	Auch fr die Psyche gilt damit, was wir bereits fr die 
soziogenetische Ebene festgestellt haben: da Vergesellschaftung unter 
Marktbedingungen ein hchst paradoxer Vorgang ist. Verglichen mit 
Freuds Zeiten ist das Netz des Sozialen engmaschiger und strker 
geworden und hat lngst auch den privaten Schonraum der Familie 
erfat, in dem Elias noch eine Enklave des gesellschaftlich nicht 
Geformten sah (I, 226f., 247, 259). Diese Expansion des Sozialen aber 
geht keineswegs einher mit einer kontinuierlich zunehmenden 
'Individualisierung' oder gar 'Massenindividualisierung' (1987, 273, 
242), sondern macht Individuierung zu einer immer schwerer zu 
bewltigenden Aufgabe. Durch den Fortfall jener Faktoren, die in der 
brgerlichen Familie eine sukzessive Einschrnkung und Frustrierung 
der archaischen Wnsche und Phantasien durchsetzten, wird die Macht 
des Unbewuten gestrkt; damit aber die Macht einer Instanz, die, im 
Gegensatz zu den Annahmen eines C.G. Jung, keine hhere Kollektivitt 
verkrpert, sondern deren Negation: die aus der gesellschaftlichen 
Kommunikation ausgeschlossene private Symbolwelt der von ihren 
prdipalen Objekten beherrschten Individuen (vgl. Lorenzer 1970, 92, 
97). Zivilisation, die einmal aus der Domestizierung des Archaischen 
entsprang, schlgt damit in ihr Gegenteil um: in die Wiedererzeugung 
des Archaischen "in der Zivilisation durch die Zivilisation selbst" 
(Adorno 1971, 42). Es spricht gegen die Zivilisationstheorie von 
Elias, da sie noch nicht einmal die Mglichkeit einer derartigen 
Entwicklung errtert11.



	3. Der letzte hier zu diskutierende Einwand stammt aus der 
Systemtheorie und besagt, da Elias dem Unterschied zwischen 
Interaktions-, Organisations- und Gesellschaftssystemen nicht gengend 
Rechnung trgt. Interaktionssysteme sind, nach der Definition 
Luhmanns, dadurch bestimmt, da Anwesende sich wechselseitig 
wahrnehmen und auf dieser Grundlage miteinander kommunizieren. Wegen 
dieser Bindung an die konkrete Prsenz von Personen knnen sie weder 
in ihren internen noch in ihren externen Beziehungen sonderlich hohe 
Komplexitt erreichen, eine Beschrnkung, die noch dadurch verstrkt 
wird, da die Erfordernisse der thematischen Konzentration und der 
linearen Sequenz der Beitrge sehr zeitraubend sind. - 
Organisationssysteme ermglichen dagegen eine hhere sachliche und 
zeitliche Generalisierung, weil sie auf Mitgliedschaftsregeln 
aufbauen. Auf der Basis solcher Regeln ist es mglich, hochgradig 
knstliche Verhaltensweisen dauerhaft zu reproduzieren, die sich durch 
ein hohes Ma an Motivgeneralisierung und Verhaltensspezifikation 
auszeichnen. - Der Begriff des Gesellschaftssystems schlielich zielt 
auf die umfassendste Form von Kommunikation: das Sozialsystem par 
excellence, das als Bedingung aller anderen sozialen Systeme fungiert 
(damit auch aller Interaktions- und Organisationssysteme). Es ist 
nicht einfach die Summe aller Organisationen und Interaktionen, 
sondern ein System hherer Ordnung. Es schliet neben Interaktionen 
auch interaktionsfreie Handlungen wie z.B. schriftliche Kommunikation 
ein, grenzt das Soziale vom Nichtsozialen ab und ermglicht die 
Ausdifferenzierung von Subsystemen, die auf bestimmte, nur ihnen 
zurechenbare Funktionen spezialisiert sind (Luhmann 1974, 143; 1982, 
11f.).

	Mit dieser Unterscheidung verbindet Luhmann eine evolutionre 
Perspektive. Obwohl keine Gesellschaft jemals ganz in Interaktionen 
aufgeht, gilt doch fr archaische Gesellschaften, in denen die 
Funktionsdifferenzierung nur wenig entwickelt ist, da sie 
interaktionsnah gebildet werden (Luhmann 1985, 576). Auch in den 
vormodernen Hochkulturen spielen Interaktionssysteme noch eine 
fhrende Rolle, wenngleich wichtige Funktionen bereits durch 
Organisationen erledigt werden: das Prinzip der Stratifikation, nach 
dem diese Gesellschaften gegliedert sind, hat zur Folge, da die 
Gesellschaft als Ganze durch das Kontaktnetz der Oberschicht 
reprsentiert und symbolisiert wird. Oberschichteninteraktion kann 
deshalb als Integrationmodus stratifizierter Gesellschaften angesehen 
werden (Luhmann 1980, 84).

	In der modernen Gesellschaft dagegen, die auf voll durchgefhrter 
funktionaler Differenzierung beruht, kommt dem Interaktionssystem 
keine integrative Aufgabe mehr zu. Wohl bleibt Interaktion eine 
Basisbedingung von Gesellschaft, die sich ja schlielich durch 
soziales Handeln konstituiert. Doch ist die Gesellschaft mit der 
Delegation grundlegender Funktionen an Subsysteme, mit der Entstehung 
ausgedehnter Organisationssysteme und nicht zuletzt mit der 
Erweiterung zur Weltgesellschaft so komplex und berpersnlich 
geworden, da sie sich durch Interaktion nicht mehr reprsentieren, 
geschweige denn bewltigen lt.

	"Die Gesellschaft ist, obwohl weitgehend aus Interaktionen bestehend, fr Interaktion unzugnglich geworden. Keine 
Interaktion, wie immer hochgestellt die beteiligten Personen sein mgen, kann in Anspruch nehmen, reprsentativ zu sein fr 
Gesellschaft. Es gibt infolgedessen keine 'gute Gesellschaft' mehr. Die in der Interaktion zugnglichen Erfahrungsrume vermitteln 
nicht mehr das gesellschaftlich notwendige Wissen, sie fhren wohlmglich systematisch in die Irre. Auch die Interaktionsfelder, die 
sich unter irgendwelchen Gesichtspunkten zusammenfgen und aggregieren lassen, lenken die Aufmerksamkeit uerstenfalls auf 
Funktionssysteme, vielleicht auch auf regionale Abgrenzungen (Nationen), nicht aber auf das umfassende System 
gesellschaftlicher Kommunikation" (Luhmann 1985, 585).
AAF
	Im gleichen Mae, wie die Interaktion an gesamtgesellschaftlicher 
Relevanz verliert, schiebt sich die Organisation in den Vordergrund. 
Dieselben Prozesse, die zur Auseinanderziehung der Systemebenen von 
Gesellschaft und Interaktion fhren - die Ausdifferenzierung und 
durchgehende Monetarisierung der Gesellschaft, die Verrechtlichung der 
Erhaltungs- und Fortsetzungsbedingungen tglicher Lebensfhrung, die 
wachsende Bedeutung von Schulerziehung und Berufswahl fr die 
individuelle Biographie (Luhmann 1981, 360f.) - begnstigen nach 
Luhmann eine massenhaft-spontane 'Autokatalyse' von Organisationen und 
eine entsprechende Verallgemeinerung der diesem Systemtypus eigenen 
Besonderheiten: der Engfhrung von Kommunikation auf Entscheidungen 
und Verknpfungen von Entscheidungen; der Bindung an Weisungsketten, 
mterhierarchien und Kontrollmechanismen; der Unterwerfung unter 
programmierte Ziele und Strategien; der Entlastung von moralischen 
Erwgungen und gesamtgesellschaftlichen Reflexionen.

	Allerdings bedeutet diese unbestreitbare Expansion von 
Organisationen und organisationsspezifischen Verhaltensmustern nicht, 
da sich die Gesellschaft in ein einheitliches Organisationssystem 
verwandelt. Die Gesellschaft konstituiert sich heute als 
Weltgesellschaft und bersteigt schon allein dadurch den Horizont des 
Organisierbaren. Auch innerhalb der einzelnen Funktionsbereiche ist 
die Komplexitt so sehr angewachsen, da die Aufgaben der Wirtschaft 
oder der Erziehung durch eine einzige Organisation nicht bewltigt 
werden knnten. Selbst wenn es z.B. gelnge, Produktionsorganisationen 
durch eine weltweite Planung zu integrieren, knnten gleichwohl 
Produktions- und Konsumentscheidungen nicht zu einer einzigen 
Organisation zusammengeschlossen werden (Luhmann 1982, 15). 
Organisierte Sozialsysteme mgen der Rahmen sein, in dem sich ein 
groer, wenn nicht der grte Teil des sozialen Alltagshandelns 
vollzieht. Zu einer Megaorganisation, in der die Unterscheidung von 
Gesellschaftssystem und Organisationssystem hinfllig wrde, fgen sie 
sich nicht.

	Im Lichte dieser Unterscheidungen liegt der Grundmangel der 
Zivilisationstheorie in der Totalisierung von Verhaltensformen, die 
fr Interaktionssysteme typisch sind. Diese Totalisierung ist 
historisch gesehen nicht vllig falsch. Sie kann sich darauf berufen, 
da unter den Bedingungen stratifikatorischer Differenzierung in der 
Tat ein spezifisches Interaktionssystem - der Hof - 
Integrationsaufgaben erfllte und insofern von 
gesamtgesellschaftlicher Relevanz war. Elias beschrnkt die Gltigkeit 
der Zivilisationstheorie jedoch ausdrcklich nicht auf diese Phase, 
sondern fat auch die der funktionalen Differenzierung und den 
organisierten Sozialsystemen gemen neuen Verhaltensmuster als 
Manifestation des Zivilisierungsprozesses auf, obgleich er sehr wohl 
einrumt, da das Schema der nichthfischen mittelstndischen 
Zivilisationslinie von dem der hfischen verschieden ist, und obgleich 
er erkennt, da die 'guten Gesellschaften', die nach der hfischen 
kommen, "nicht mehr im entferntesten die gleiche formgebende Kraft" 
haben (II, 416; 1975, 144f., 172ff.). Der Proze der Zivilisation, 
lautet eine mehrfach wiederholte Kernthese, vollzieht sich "ohne 
Bruch", "in einer immer intensiveren Ausbreitungsbewegung", die mit 
der Bildung eines hfischen Sozialcharakters beginnt und - vorerst - 
mit einem von diesem abgeleiteten Nationalcharakter endet (I, 43f.).

	Die Behauptung aber, da die "hfisch-aristokratische 
Menschenmodellierung (...) in dieser oder jener Form in die 
berufsbrgerliche ein(mndet) und (...) in ihr aufgehoben 
weitergetragen (wird)" (II, 418), wird der im Begriff der 'Aufhebung' 
liegenden Dialektik nicht gerecht. Gewi gibt es eine Aufhebung im 
Sinne des Bewahrens und Fortfhrens, die sich in der bernahme 
bestimmter Mechanismen der Selbstkontrolle (Langsicht, 
Affektbeherrschung) oder in Erscheinungen wie der 'Demokratisierung 
der Literalitt' (Goody/Watt) zeigt. Aufhebung aber meint auch stets - 
und in diesem Falle mehr als alles andere - Negation, Auer-Geltung-
Setzen, Beenden. So hat die Demokratisierung der Literalitt, wie 
Goody und Watt gezeigt haben, durchaus nicht nur zu einer kollektiven 
Aneignung des kulturellen Erbes gefhrt, sondern auch dessen 
Verbindlichkeit aufgelst und dessen Homogenitt zerstrt12, und so 
resultiert denn auch die Aufhebung des Privilegs nicht in der 
Verallgemeinerung der in der Oberschicht geltenden Codes, sondern 
allenfalls in deren Musealisierung.

	Luhmann zufolge ist diese Entwicklung unausweichlich, denn erstens 
verliert die Oberschichteninteraktion mit zunehmender 
Ausdifferenzierung von Subsystemen ihren Reprsentationscharakter - 
das Ganze lt sich durch keinen Teil mehr darstellen, sondern ist nur 
noch in den Teilen selbst prsent; und zweitens geht durch die 
Radikalisierung der Funktionsdifferenzierung die Conditio sine qua non 
hfischer Interaktion verloren: die Verfgung ber ein ausreichendes 
Quantum nichtfunktionsbezogener Zeit, alteuropisch ausgedrckt: Mue. 
Nur eine Schicht, die ihr gesamtes Dasein 'mig' verbrachte, d.h. 
nicht primr in den Aufgaben der Produktion und Reproduktion des 
unmittelbaren Lebens aufging, konnte jene gesteigerte Fhigkeit zur 
Wahrnehmung des eigenen und des fremden Selbst ausbilden, von der das 
Leben bei Hofe abhing; nur eine Schicht, die auf Reprsentation des 
Ganzen spezialisiert war, konnte sich auf die Stilisierung der 
Umgangsformen, auf die Produktion und Interpretation jener Zeichen 
konzentrieren, in denen sich Rang und Ehre, Achtung oder Miachtung 
dokumentierten. Wenn Zivilisation darin besteht, da man dem Umweg vor 
der Abkrzung, der indirekten Aktion vor der direkten den Vorzug gibt, 
so setzt sie eine Ordnung voraus, die wenigstens ber ein Gut im 
berflu verfgt: Zeit.

	Organisierte Sozialsysteme indes, wie sie in der 
berufsbrgerlichen Gesellschaft dominieren, beruhen auf der 
systematischen Verknappung von Zeit. In ihnen geht es, wie man nicht 
nachdrcklich genug hervorheben kann, um Zeitgewinn und um die damit 
verbundenen Konkurrenzvorteile gegenber anderen Organisationen: daher 
die Verkrzung und Kanalisierung der Kommunikation, die simultane 
Erledigung von Aufgaben durch Arbeitsteilung, die Entlastung der 
Operationen von der zeitraubenden Notwendigkeit, fr jeden Einzelfall 
natrlich gewachsene Motive oder moralischen Konsens zu beschaffen13. 
Es ist klar, da nur eine derartige konomisierung der Zeit die 
Organisationen in die Lage versetzt, die Flle der ins Unendliche 
gestiegenen Anforderungen zu bewltigen. Ebenso klar ist aber, da die 
'Temporalisierung von Komplexitt' nur im Gegenzug gegen die fr die 
traditionellen Oberschichten typischen Formen der Zeitverwendung 
durchgesetzt werden kann - und damit auch im Gegenzug gegen die 
civilisation. Wo die Knappheit der Zeit und die Vordringlichkeit des 
Befristeten (Luhmann) regiert, wird Achtungskommunikation alten Stils 
zum Luxus, der nur noch auerhalb der organisierten Sozialsysteme (und 
hier oft noch nicht einmal gegen Geld) zu haben ist. Gepflegte 
Geselligkeit und galante Konversation, Zivilisierung der Gesten und 
der Sprache, Takt und Respekt, alle diese Formen erweisen sich heute 
als Oberschichtenphnomene, die "nach der Auflsung der 
stratifizierten Gesellschaftsordnung jedenfalls nicht als 
Kultiviertheitserwartung fortgesetzt werden"14.

	Nicht da sie vllig verschwnden. Distinktionsstrategien spielen 
auch heute noch eine wichtige Rolle im gesellschaftlichen Leben, vom 
ehemaligen Adel ber die Bildungseliten bis hinab zur Unterwelt 
(Girtler 1989). Aber der ubiquitre Zeitdruck erzwingt doch eine so 
unbersehbare Reduktion und Minimierung aller Schnrkel und Floskeln, 
eine solche Raffung aller umstndlichen Vermittlungen, da sich der 
inter- und intraorganisatorische Kommunikationsstil mehr und mehr 
jener zeitgenssischen Architektur angleicht, die das Ornament zum 
Verbrechen erklrte (A.Loos). Zeitkonomie und Zivilisation schlieen 
einander aus. Wer diesen Gegensatz verleugnet und auch fr die 
Gegenwart noch am Zivilisationsbegriff festhalten will, mu daraus 
alle Inhalte tilgen, die einmal mit Zivilisiertheit verbunden waren.
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  Exkurs ber Informalisierung
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  Die hier skizzierten Argumente sind natrlich Elias und seinen 
Anhngern nicht gnzlich entgangen. Besonders Cas Wouters hat sich 
ihnen gestellt und einen Trend zur Informalisierung diagnostiziert, 
den er auf Vernderungen in der Machtbalance zwischen den sozialen 
Klassen, den Generationen und den Geschlechtern zurckfhrt (Wouters 
1979; 1986). Elias hat dann diese Diagnose aufgegriffen und alle 
Versuche abgewiesen, daraus eine Falsifizierung der 
Zivilisationstheorie ablesen zu wollen. Die Informalisierung, so seine 
These, sei im Gegenteil ein Beleg fr die Intensivierung des 
Zivilisationsprozesses, weil sie mit einer "Zunahme des 
gesellschaftlichen Drucks zur Selbstregulierung" einhergehe (Elias 
1989, 60). Dem ist zweierlei entgegenzuhalten. Elias und Wouters haben 
sicher recht, wenn sie in der Informalisierung nicht einfach einen 
Rckfall in Chaos und Regellosigkeit sehen wollen. Selbstverstndlich 
ist die moderne Gesellschaft, bei aller Lockerung von Konventionen und 
Standards, durch ein sehr hohes Ma an Regulierung gekennzeichnet. 
Nur: diese Regulierung ist ein Effekt der organisierten Sozialsysteme, 
die strukturell in keinerlei Beziehungen zu den Interaktionssystemen 
der hfischen Gesellschaft stehen. Der in ihnen endemische 
Rationalisierungszwang drfte weit mehr als alle Vernderungen in den 
Machtbalancen zwischen verschiedenen sozialen Gruppen dazu beigetragen 
haben, da die berkommenen Interaktionsrituale nach und nach ber 
Bord geworfen wurden. Zweitens aber kann die Informalisierung auch 
deswegen keine Intensivierung des Zivilisationsprozesses sein, weil 
die partielle Entstrukturierung der ueren Beziehungen mitnichten 
durch Strukturgewinne im Innern der Subjekte kompensiert wird. Die 
"vorzeitige" Sozialisation, so haben wir im vorigen Abschnitt gesehen, 
fhrt gerade nicht auf eine "hhere Ebene des Bewutseins und 
wahrscheinlich auch eine hhere Ebene der Selbststeuerung" (Wouters 
1979, 294), sondern zu einer Schwchung des Ichs und einer 
Entstrukturierung des ber-Ichs. Weit davon entfernt, ber die von den 
Zivilisationstheoretikern supponierte Souvernitt zu verfgen, die es 
ihm erlaubte, rigide Kontrollen in bestimmte Bereiche zu lockern, 
scheint das Subjekt eher zum Zerfall zu tendieren: zur Spaltung in ein 
uneigentliches Selbst, das sich den externen Funktionsimperativen der 
organisierten Sozialsysteme anpat, und in ein eigentliches Selbst, 
das sich in den Intermundien dieser Systeme entfaltet und berall 
dort, wo es auf keine Schranken mehr stt, den Impulsen seiner 
jeweiligen emotionalen Befindlichkeit folgt (Gerhards 1988, 237f.). 
Wie dnn dabei die Linie ist, die die psychische von der physischen 
Inkontinenz trennt, wei jeder, der die ffentlichen Verkehrsmittel in 
Grostdten benutzt.
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  Damit keine Miverstndnisse entstehen: Ich bezweifle nicht, da es 
eine hfische Zivilisation im Abendland gab und da Norbert Elias ihr 
Theoretiker ist. Ich bezweifle auch nicht, da diese hfische 
Zivilisation in einigen Lndern wie Frankreich auf die aufsteigenden 
brgerlichen Schichten abgefrbt und deren nationalen Habitus geprgt 
hat, wiewohl man hinzufgen sollte, da dies historisch gesehen eher 
die Ausnahme als die Regel war. Das Brgertum ist eine sehr 
abendlndische Erscheinung, und selbst innerhalb des Abendlandes gibt 
es zahlreiche Flle, in denen es sich dem Einflu des Hofes entzog. 
Der Hoffnung des Liberalismus, die Brger mchten sich die Manieren 
der guten Gesellschaft aneignen, whrend die 'historischen Klassen' im 
Verdienen tchtiger werden sollten, hielt schon Karl Kraus entgegen, 
da "aller Wahrscheinlichkeit nach schlielich die historischen 
Klassen ohne irdische Gter und mit schlechten Manieren, die 
vordringenden Schichten aber mit zweifachem Besitzstand die 
Gesellschaft reprsentieren werden" (Kraus 1916, 7). Schlielich ist 
auch unbestritten, da es in der Neuzeit eine weitausgreifende 
Affektmodellierung gegeben hat, in die immer weitere Schichten 
einbezogen wurden.
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  Die Crux der Zivilisationstheorie besteht jedoch darin,  da sie eine 
"evolutionr wirkende Kontinuitt des Zivilisationsbegriffs" behauptet 
und die Geschichte der hfischen Affektmodellierung zur "Vorgeschichte 
der Modernisierung", gar zur "Vorgeschichte des modernen 
Sozialcharakters" erklrt (Kuzmics 1989, 82, 89f.). Eine derart 
notwendige Beziehung, wie sie hier unterstellt wird, existiert nicht. 
Es gibt sie historisch nicht, weil die Geschichte zahlreiche hfische 
Gesellschaften kennt, die sich nicht zu berufsbrgerlichen 
Gesellschaften entwickelt, sondern stattdessen in 
Kriegergesellschaften zurckverwandelt haben - Japan nach der Heian-
ra ist hierfr vielleicht das beste Beispiel; der eigentliche 
Durchbruch zur berufsbrgerlichen Gesellschaft erfolgte dagegen in 
Lndern, in denen nach Elias' eigener Einsicht der Hof nur eine 
geringe oder gar keine Rolle spielte - England und den USA (1975, 104, 
147f.). Es gibt eine solche notwendige Beziehung aber auch nicht im 
logisch-strukturellen Sinne, weil zwischen der Affektmodellierung, wie 
sie fr Interaktionssysteme typisch ist, und derjenigen, wie sie 
Organisationssysteme fordern, ein Hiatus klafft. Mit Robert Muchembled 
ist davon auszugehen, da die fr die hfische Welt typische 
Verfeinerung der Sitten vor allem die Funktion einer Abgrenzung und 
Distanzierung der Oberschichtenkommunikation von anderen 
Kommunikationsformen hatte und Muster entwickelte, die sich nur um den 
Preis des Lcherlichen, Parvenuhaften von anderen Schichten kopieren 
lieen - schon deshalb, weil keine dieser Schichten ber den 
erforderlichen Abstand zur Welt des Geldes und des 'Berufs' verfgte. 
Der Zwang zur Langsicht, die Schemata der Verhaltensregulierung und -
kontrolle, die fr diese Schichten mageblich sind, resultieren aus 
den Zwngen dieser Welt, nicht aus den Vorgaben der 
Oberschichtenkommunikation; Zivilisierung ist keine Bewegung von oben 
nach unten, die immer noch andauert, sondern eine Bewegung, die die 
Kluft zwischen oben und unten zu zementieren trachtet:
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  "Im Gegensatz zu bestimmten Lehrmeinungen ist der Proze der Zivilisierung der Sitten in seinen vielfltigen Formen kein 
Mechanismus zur Nivellierung der Unterschiede. Er bringt im Gegenteil verschiedenartige Wesen hervor, die auf verschiedenen 
Stufen der soziokulturellen Hierarchie angesiedelt sind. Diese Menschen - das gilt selbst noch fr das Ende des Ancien Rgime - sind 
durchaus nicht aus einem Stck gemacht, sondern fgen sich in Gesellschaftsschichten ein, die unterschiedliche Verhaltensstrnge 
und gegenstzliche konomische Entwicklungen beerben. Mit anderen Worten, nichts wre verfehlter, als die Entwicklung der 
Mentalitten vom ausgehenden Mittelalter bis zur Revolution als eine Art unbestimmten Gesamtfortschritt darzustellen, dem sich die 
einzelnen Gruppen dann mehr oder weniger vollkommen anpaten" (Muchembled 1990, 184).
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  Kein Gesamtfortschritt also, eher eine Reihe von Schben, deren 
Rhythmus durch die Ausdifferenzierung neuer, eigengesetzlicher 
Funktionssysteme und Organisationen bestimmt wird. Jeder dieser Schbe 
ist, psychogenetisch gesehen, mit einer Schwchung, wenn nicht sogar 
mit einem Abbau der bis dahin dominierenden Instanzen verbunden. Das 
brgerliche Ich ist, als psychische Instanz, schwcher als das 
hfische, weil es nicht nur mit dem Es und der Auenwelt, sondern auch 
mit einem ber-Ich zu rechnen hat, das vom Individuum eine 
Staatsfrmigkeit seiner Gesinnungen, nicht blo seiner ueren 
Handlungen verlangt (Vowinckel 1983, 150). Das nachbrgerliche Ich ist 
noch schwcher, weil es nicht mehr auf dem Weg einer Identifikation 
mit dem Aggressor - dem dipalen ber-Ich -Strke gewinnen kann, 
vielmehr schutzlos und unvermittelt der Gewalt prdipaler, 
archaischer Konfigurationen ausgeliefert ist, die den Anspruch auf 
Grandiositt und Omnipotenz erheben. Mit jedem neuen Schub in der 
Entwicklung der Sozialkontrolle erhlt somit das Ich neue und stets 
mchtigere Gegner, die seine Souvernitt fortwhrend einschrnken - 
und damit seine Fhigkeit zu dem, was Elias mit Recht als 
Wesensmerkmale des zivilisierten Habitus herausstellt: Selbstdistanz, 
Selbstkontrolle, Takt, 'taking the role of the other', das Spiel mit 
dem Schein und nicht zuletzt auch die Technik der Simulation, die dem 
protestantischen Kleinbrger als Unaufrichtigkeit erscheinen mag, in 
Wirklichkeit aber die Fhigkeit bedeutet, die anderen mit der Last des 
eigenen Selbst zu verschonen (Sennett 1983, 299).
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  So untergrbt die Dialektik der Vergesellschaftung die Voraussetzungen 
der Zivilisation. Sie verallgemeinert keineswegs die Formen, die in 
der hfischen Zivilisation auf einen kleinen Kreis von Privilegierten 
beschrnkt waren, sondern beseitigt mit dem Privileg auch diese 
Formen. Sie fhrt nicht zu einer Anverwandlung der bisher 
Ausgeschlossenen an die Ausschlieenden, sondern umgekehrt zum 
Vordringen des aus der Zivilisation Ausgeschlossenen. Seit dem 18. Jh. 
ist die vorherrschende Tendenz in der Politik wie in der Kunst eine 
nicht abreiende Kette von Demaskierungen, Entlarvungen und 
Enthllungen, in der eine Konvention und Tradition nach der anderen 
demontiert wird und immer neue Schichten des Verdrngten ans Licht 
gezogen werden; und wenn es eine Zeitlang so schien, als knnte mit 
der Ausweitung des ffentlichen Erziehungswesens ein Gegengewicht 
geschaffen werden, so ist dieses mittlerweile so stark segmentiert und 
mit anderen Aufgaben berfrachtet, da selbst der amerikanische 
Prsident sich alarmiert zeigt. Die sprachlichen Ausdrucksformen der 
Unterschichten, insbesondere die Koppelung von Sexualitt und Gewalt, 
sind lngst gesellschaftsfhig geworden und machen, wie ein Blick in 
den 'Anti-dipus' zeigt, selbst vor dem wissenschaftlichen Diskurs 
nicht mehr halt; die Distanzierung vom Krper, die diesen zum Medium 
der Demonstration festgefgter Konventionen machte, ist einer 
aufdringlichen Thematisierung desselben gewichen, bei der der Krper 
zwar mit Signalen berladen und - wie in der Punk-Bewegung - in 
extremer Weise stilisiert wird, jedoch nichts reprsentiert und nichts 
mehr mitzuteilen hat (Bette 1987; Georgieff 1987); und wer gezwungen 
ist, sich am Straenverkehr zu beteiligen, wird rasch feststellen 
mssen, da auch die Survival-Mentalitt der Unterschichten sich 
allgemeiner Anerkennung erfreut. Elias pflegt in seinen letzten 
Arbeiten hufig auf die sinkenden Unfallziffern zu verweisen, um seine 
These vom gestiegenen Selbstzwang zu erlutern (1978, 22). Doch fnf 
Minuten auf der Autobahn sollten eigentlich gengen, um sich davon zu 
berzeugen, da hier nicht die Zivilisation herrscht, sondern das 
Gesetz des Dschungels. Nicht da dort jeder Mensch jedem Menschen ein 
Wolf wre, das hatte schon Hobbes mit seinem bekannten Diktum nicht 
gemeint. Es gibt auch heute unendlich viele Beispiele von 
Zuvorkommenheit und Hilfsbereitschaft. Aber eine Welt, in der man bei 
jedem Streit um eine Parklcke, bei jeder Beschwerde ber zu lauten 
Partylrm damit rechnen mu, erschossen, erstochen oder 
zusammengeschlagen zu werden, ist von der Zivilisation noch immer 
genau so weit entfernt wie der von Hobbes beschriebene Kriegszustand, 
"which is worst of all, continual fear, and danger of violent death; 
and the life of man, solitary, poor, nasty, brutish, and short"15.
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  Wenn diese berlegungen richtig sind, empfiehlt es sich, den 
Leitbegriff der Zivilisationstheorie zu revidieren. Anstatt in ihm 
nach dem Vorbild der franzsischen Aufklrung zwei nur zufllig-
historisch verbundene Komplexe zusammenzuzwingen - die hfischen 
Interaktionsregeln und die Rationalittsstrukturen organisierter 
Sozialsysteme - sollte man ihn wieder enger fassen und seiner 
geschichtsphilosophischen Konnotationen entkleiden. Vielleicht hatte 
Kant doch recht, als er vorschlug, den Zivilisationsbegriff  auf 
"Manieren, Artigkeit und eine gewisse Klugheit" zu beschrnken, 
vermittels welcher der Mensch 'gesellschaftsfhig' werde - womit er 
natrlich die 'gute Gesellschaft' meinte (Kant 1968, XII, 707). Eine 
solche Eingrenzung htte jedenfalls den Vorzug, da sie uns deutlicher 
als Elias die Vergnglichkeit der Bedingungen vor Augen fhrte, an die 
Zivilisation nun einmal gebunden ist, und sie knnte es vielleicht 
ermglichen, die Theorie der Zivilisierung durch die lngst 
berfllige Theorie der Entzivilisierung zu ergnzen.
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  "Ewig kann sich ohne Ritter keine Ritterlichkeit, ohne Hof keine Hflichkeit, ohne Salon kein Charme, ohne materiellen Rckhalt 
keine Rcksicht halten, auch als bloe Spiel-Form nicht. - Und ebenso schrumpft in einer Welt, die uns um Mue und die anderen 
Bedingungen des Privaten betrgt, die Subtilitt unseres seelischen Privatlebens" (Anders 1986, 13).
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  PAProduktive Disziplin.  Foucaults Theorie der Disziplinargesellschaft
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  Suchte man nach einem Gegenbild zu Elias' Panoramagemlde der modernen 
Zivilisation, so wre dazu kaum etwas geeigneter als das Konzept der 
Disziplinargesellschaft, das Michel Foucault in den siebziger Jahren 
entwickelt hat. Gewi ist der Gegensatz nicht absolut. Beide Autoren 
interessieren sich fr Prozesse der Normierung und Regulierung, beide 
sehen eine enge Beziehung zwischen Individuierung und Subjektivierung 
einerseits, sich verdichtenden Machtverhltnissen andererseits. 
Foucault bezieht diese Entwicklungen jedoch nicht wie Elias auf ein 
Zentrum, und er sieht sie auch nicht aus der Perspektive eines 
zunehmenden Souvernittsgewinns der (Welt-) Gesellschaft und des 
einzelnen. Die moderne Gesellschaft gilt ihm als polyzentrisches 
Geflecht von Disziplinarapparaten und die Individuierung als 
Manifestation der Macht. Anstelle der Vision einer friedlichen 
Kooperation steht bei ihm die eines 'verallgemeinerten Krieges' (1978, 
40)16 , anstelle der Aufhebung willkrlicher Macht deren Verfestigung 
zu 'Herrschaftszustnden' (1985, 11). "Die Menschheit", so Foucaults 
nietzscheanisches Credo, "schreitet nicht langsam von Kampf zu Kampf 
bis zu einer universellen Gegenseitigkeit fort, worin die Regeln sich 
fr immer dem Krieg substituieren; sie verankert alle ihre 
Gewaltsamkeiten in Regelsystemen und bewegt sich von Herrschaft zu 
Herrschaft" (1974, 95).
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  Die Literaturflut, die diese Theorie ausgelst hat, ist schon lngst 
nicht mehr zu berblicken. Vieles davon ist Einfhrung oder Paraphrase 
und wird so schnell vergessen werden, wie es geschrieben wurde17 . 
Doch hat Foucault inzwischen auch ernstzunehmende Gesprchspartner 
gefunden, die so schwerwiegende Einwnde gegen seinen Entwurf 
formuliert haben, da sich dessen einfache Fortschreibung oder 
Kanonisierung verbietet. Ich werde zunchst Foucaults Grundgedanken 
knapp skizzieren, danach die wichtigsten Gegenargumente prsentieren 
und anschlieend errtern, inwieweit die Theorie der 
Disziplinargesellschaft noch zu halten ist.
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  Im Unterschied zur Analyse des Zivilisationsprozesses spricht die 
Genealogie der Disziplin religisen Faktoren ein erhebliches Gewicht 
zu. Schon der vorchristliche, vor allem aber der christliche Orient 
habe einen spezifischen, pastoralen Machttypus entworfen, dessen Pole 
die Herde und der dieselbe zusammenhaltende Hirt oder Schfer seien; 
diese Pastoralmacht habe sich dann vom 2. Jh. an ununterbrochen 
verfeinert und sich mit der politischen Macht assoziiert, wodurch zwei 
verschiedene Machttechniken miteinander verbunden worden seien: das 
kirchliche Gestndnis- und Beichtritual und die Formulierung und 
Vollstreckung des Gesetzes (1982, 17ff.). Aus dieser Kombination, die 
zum erstenmal im Inquisitionsproze praktische Gestalt angenommen 
habe, sei jene doppelte Bedeutung von 'Subjektivierung' entsprungen, 
die seither das Abendland bestimmt habe: Subjektivierung im Sinne 
einer Unterwerfung unter Kontrolle und Abhngigkeit und 
Subjektivierung im Sinne einer Bindung an die eigene Identitt qua 
Bewutsein und Selbsterkenntnis (1987, 247f.)
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  Foucault widmet dieser Vorlaufphase der Disziplinargesellschaft indes 
nur geringe Aufmerksamkeit. Weitaus intensiver befat er sich dagegen 
mit dem eigentlichen Formierungsstadium, das er auf das 17. und 18. 
Jh. datiert. Zwar dominiert zu diesem Zeitpunkt mit der absoluten 
Monarchie noch eine Form der Macht, "die wesentlich an der Abschpfung 
und am Tode orientiert war" (1977, 110) - eine Form, die sich 
verfassungsrechtlich in der Souvernitt und der ihr 
korrespondierenden Gesetzgebungskompetenz manifestiert, und die 
strafrechtlich in den Riten und Marterzeremonien der 
'Abschreckungsmacht' erscheint. Zur gleichen Zeit aber bereitet sich 
gesamtgesellschaftlich ein Umbruch vor, in dessen Verlauf auch die 
Macht eine tiefgreifende Transformation erfhrt. Am Beispiel der 
buerlichen Delinquenz zeigt Foucault, da das klassische Zeitalter 
der Schauplatz neuer Formen der Gesetzwidrigkeit ist, die sich nicht 
mehr primr gegen die Rechte des Adels oder des Knigs richten, 
sondern gegen Gter; ein Wandel, mit dem die Bevlkerung auf neue 
Formen der Kapitalakkumulation, der Produktionsverhltnisse, der 
Aneignungsstrukturen reagiert. Mit dem Anwachsen kapitalistischer 
Produktionsapparate und dem demographischen Wachstumsschub des 18. 
Jhs. verbreitern und vervielfachen sich die Konfliktlinien und lassen 
dadurch die klassische, auf der Veranstaltung exemplarischer 
Straffeste beruhende Souvernitts- und Abschreckungsmacht zunehmend 
unwirksam werden (1976, 110, 280).
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  Eben diese Umbruchphase, in der die Gesellschaft gleichsam aus dem 
engen Rahmen herauswchst, in den sie durch die Institutionen der 
Monarchie gebannt war, ist die Zeit, in der neue Verfahren und 
Mechanismen der Macht auf den Plan treten; Verfahren, "die nicht mit 
dem Recht, sondern mit der Technik arbeiten, nicht mit dem Gesetz, 
sondern mit der Normalisierung, nicht mit der Strafe, sondern mit der 
Kontrolle, und die sich auf Ebenen und in Formen vollziehen, die ber 
den Staat und seine Apparate hinausgehen" (1977, 110f.). Welche 
Verfahren sind hier gemeint?
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  Um zunchst beim Beispiel der Strafjustiz zu bleiben: Noch unter dem 
Ancien Rgime beginnen sich Forderungen der Aufklrer nach 
Humanisierung des Strafrechts und konomisierung der Strafgewalt in 
einer Reihe von Reformen geltend zu machen, die die Ersetzung der 
alten 'konomie der Verausgabung und des Exzesses' durch eine 
'konomie der Kontinuitt und der Dauer' ermglichen. Whrend die 
absolutistische Souvernitts-Macht mit ihrer Sprunghaftigkeit und 
Regellosigkeit sowie der Weitmaschigkeit ihres Kontrollnetzes den 
Gesetzwidrigkeiten der Untertanen weiten Raum lie, bemhen sich die 
Justizaufklrer darum, durch Milderung der Strafen, sorgfltigere 
Kodifizierung und Rationalisierung der Gewaltausbung die Basis fr 
einen neuen gesamtgesellschaftlichen Konsens hinsichtlich der 
Strafgewalt zu schaffen, um eine wirksamere Verteidigung gegen einen 
Gegner zu ermglichen, "der jetzt raffinierter, aber auch verbreiteter 
im gesellschaftlichen Krper ist". Indem sie die Willkr des Souverns 
anprangert, bereitet die Aufklrung zugleich den Boden fr ein neues, 
perfekteres System der sozialen Kontrolle. Richter und Anklger, 
Verteidiger und Angeklagte werden in ein diskursives Gefge 
eingeschlossen, dessen Sinn nicht in der schreckenerregenden 
Wiederherstellung der Souvernitt, sondern in der 
Wiederinkraftsetzung des Strafgesetzbuches bestehen soll (1976, 113, 
141).
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  Dieser Proze der Diskursivierung, fr den Foucault eine exakte 
Definition schuldig bleibt, meint im wesentlichen folgendes: Auf der 
einen Seite haben wir es mit einer Kodifizierung und Rationalisierung 
zu tun, die den Untertanen zweifellos neue Sicherheiten bringt. Die 
Macht wird an Regeln gebunden, das Individuum als Rechtssubjekt 
anerkannt, die Strafe in ein Mittel verwandelt, das die 
Rechtssubjektivitt wiederherstellen soll. Auf der anderen Seite aber 
wird gerade dadurch eine uerste Verfeinerung und Vervollkommnung der 
Unterwerfung ermglicht. Der Kodifizierung entspricht eine zunehmende 
Individualisierung der Strafen und eine Objektivierung von Verbrechen 
und Verbrecher. Das Rechtssubjekt wird Gegenstand einer 
klassifizierenden und vergegenstndlichenden Betrachtungsweise, die 
den einzelnen in ein komplexes Tableau justiziabler Eigenschaften und 
Tatbestnde einordnet. Er wird geprft, beurteilt, registriert, so da 
jede seiner Eigenschaften mittels einer Reihe von Codes und deren 
Korrelierung dokumentierbar wird. Durch die vielfltigen Praktiken der 
berwachung und Kontrolle, der Einstufung und der Zuordnung bildet 
sich, was Foucault als die andere, "dunkle" Seite des Rechtssubjekts 
bezeichnet: das "Disziplinarindividuum", das von den neuen 
Machttechniken fabriziert wird (1976, 396).
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  Die Diskursivierung/Unterwerfung beschrnkt sich nicht auf die 
Strafjustiz. Foucault sprt sie auf in der neuen Einstellung der 
Gesellschaft gegenber dem Wahnsinn, welcher ausgegrenzt, interniert 
und in eine Form der Geisteskrankheit verwandelt wird, mit der die 
Gesellschaft nur noch ber das abstrakte Medium der Psychiatrie 
kommuniziert. Er entdeckt sie in der explosionsartigen Vermehrung der 
Diskurse ber Sexualitt, die zur Bildung eines gigantischen Registers 
der Lste und Perversionen fhrt. Er lokalisiert sie im rztlichen 
Blick und in der wissenschaftlichen Kontrolle der Krankheiten und 
Infektionen, in der administrativen Kontrolle der Heilmittel, der 
Todesflle und Geburten, der Verstellungen und Abwesenheiten, 
schlielich in der militrischen Kontrolle der Deserteure, der 
fiskalischen Kontrolle der Waren, der konomischen Planung der 
Produktionsablufe. In allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens 
ist das klassische Zeitalter der Schauplatz einer unerhrten 
Verdichtung der Diskurse und Identifikationsmechanismen, die allesamt 
nur das eine Ziel haben: die Herstellung des durchschaubaren und damit 
kontrollierbaren Individuums. "Die 'Aufklrung', welche die Freiheiten 
entdeckt hat", schreibt Foucault, "hat auch die Disziplinen erfunden" 
(1976, 285).
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  Diese neue Form der Disziplinarmacht darf nach Foucault indes nicht zu 
eng aufgefat werden. Sie darf, erstens, nicht allein auf die 
Implementierung eines bestimmten Diskurstyps reduziert werden, denn 
sie hat auch nicht-diskursive Wurzeln: Etwa die Mechanismen, die in 
den Klstern und Kasernen, Manufakturen und Spitlern, Kollegs und 
Internaten entwickelt wurden. Sie darf, zweitens, nicht als Effekt 
eines Zentrums, einer gesellschaftlichen Zentralinstanz oder einer 
herrschenden Klasse, begriffen werden, da hiermit ihre pluraler, 
multipler Charakter verfehlt wrde: die Disziplinargesellschaft ist 
nicht das Ergebnis einer, sondern zahlreicher Projektionen - der 
Projektion militrischer Methoden auf die Industrie; der 
maschinenfrmigen Funktionsweise auf die lebendige Arbeit; der 
Gefngnisdisziplin auf die Gesellschaft (1976, 284). Und sie darf, 
drittens, auch nicht als bloes Verhltnis der Repression verstanden 
werden, wie dies in der Logik des brgerlichen Legalismus oder der 
marxistischen Auffassung liegt. Die Disziplinarmacht, sagt Foucault, 
setzt zwar Unterwerfung voraus, sie parzelliert die Individuen, 
klassifiziert sie und fgt sie in eine hierarchische Ordnung ein, die 
durch przise Befehlssysteme strukturiert ist. Sie erschpft sich 
jedoch nicht darin, sondern produziert ihrerseits Individuen, die der 
von ihr geschaffenen Ordnung gem sind. "Man mu aufhren, die 
Wirkungen der Macht immer negativ zu beschreiben, als ob sie nur 
'ausschlieen', 'unterdrcken', 'verdrngen', 'zensieren', 
'abstrahieren', 'maskieren', 'verschleiern' wrde. In Wirklichkeit ist 
die Macht produktiv; und sie produziert Gegenstandsbereiche und 
Wahrheitsrituale: das Individuum und seine Erkenntnis sind Ergebnisse 
dieser Produktion" (1976, 250).
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  In uerster Verdichtung erscheint diese produktive Dimension der 
Macht in der modernen Form des Gefngnisses, wie sie seit 1830 unter 
dem Einflu von Benthams 'Panopticon' (1787) Gestalt gewinnt. Als eine 
Institution, deren Aufgabe sich keineswegs darauf beschrnkt, den 
Freiheitsentzug zu organisieren, vielmehr von Anfang an darin besteht, 
"Transformationen an den Individuen vorzunehmen" (1976, 317), 
verkrpert das Gefngnis gleichsam die Elementarform der 
Disziplinargesellschaft, hnlich wie fr Marx die Ware als 
Elementarform der brgerlichen Gesellschaft fungiert. Das Gefngnis 
ist zugleich Kaserne und Schule, Werkstatt und Spital; es unterdrckt 
die gesellschaftlich unerwnschten Eigenschaften und modelliert die 
erwnschten. Sein Produkt sind Individuen, "die nach den allgemeinen 
Normen einer industriellen Gesellschaft mechanisiert sind" (1976, 
310). Als ein vollkommener Disziplinarapparat erfat es smtliche 
Aspekte des Individuums: seine physische Erscheinung wie seine 
moralische Einstellung, seine Arbeitsneigung wie sein 
Alltagsverhalten; und alle diese Manifestationen werden nicht nur 
kontrolliert und reglementiert, sondern von Grund auf reformiert, bis 
sie den geltenden Standards entsprechen. Das 'Kerkersystem', das 
Foucault zufolge um 1840, dem Erffnungsjahr der Jugendstrafanstalt 
von Mettray, vollstndig ausgebildet ist, enthlt in gebndelter und 
konzentrierter Form all jene Mechanismen der Normalisierung und 
Disziplinierung, die seither zu Strukturmerkmalen der 
Disziplinargesellschaft geworden sind.
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  Deren Formierung erschpft sich damit letzlich in einer Bewegung der 
Ausdehnung und Erweiterung: vom 'Kerker-System' der Gefngnisse und 
geschlossenen Anstalten zu dem, was Foucault den 'Kerker-Archipel' 
bzw. das 'groe Kerker-Kontinuum' nennt (1976, 382f.). Vermittelt ber 
zahlreiche Sttzpunkte - die Waisenhuser, die Asyle fr 'gefallene 
Mdchen', die Lehrlingsheime, die korrespondierenden Einrichtungen wie 
Wohlfahrtsgesellschaften, Sittlichkeitsvereine, Arbeitersiedlungen und 
 Wohnheime - breitet sich das panoptische Schema ber die gesamte 
Gesellschaft aus und berzieht alle sozialen Bereiche mit dem groen 
Kerker-Netz, dessen primre Funktion in einer alles umfassenden 
Normierung besteht. Dies sicher nicht ohne Widerstand. Wo Macht ist, 
sagt Foucault, ist auch Widerstand, und er fgt hinzu: wenn es 
Machtbeziehungen gibt, so berhaupt nur deshalb, weil es Freiheit 
gibt, (1977, 116; 1985, 2O). Aber dieser Widerstand ist keine Mauer, 
kein Block, der der Disziplinierung Grenzen setzt; er ist selbst eine 
Manifestation von Macht, eine Art Antikrper, der die Disziplinarmacht 
attackiert und zu Mutationen und Metamorphosen ntigt. Um die 
Widerstnde zu berwinden, geht die Disziplin von dem starren, 
statischen Tableau des klassischen Zeitalters zu neuen, flexibleren 
Formen der Regulierung ber, deren Hauptziel in einer Steigerung der 
Funktionen liegt; und dieses Ziel wird zunehmend nicht nur mittels der 
rigiden Anpassung der Individuen an die Norm erreicht, sondern 
ebensosehr durch Anpassung der Norm an die individuellen Bedingungen 
durch die Verfahren der modernen Humanwissenschaften:
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  "In den Humanwissenschaften erst erreicht die Dynamik der Transformationen von Rationalittsstrukturen, Machtmechanismen und 
Beziehungen ihre Vollendung: Diese verluft von der Teilung der Welt zur Herstellung der Welt; diese wiederum vom Traum einer 
mechanischen Imitation der Welt (durch Gesetze) zu dem einer Erzeugung von Organismen, von der Objektivierung der Welt auf 
die Individuierung der Menschen. Der Akzent der Individuierung selbst wird dabei von der objektivierenden Kontrolle der Einzelnen 
zur subjektivierenden Selbststeuerung und zur Manipulation von Gruppen verlagert. Der Vernderung der Gegenstandsbereiche 
entspricht die der Machttechniken, die Entwicklung von der Gewaltrationalitt zur Testwissenschaft" (Dauk 1989, 131).
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  Disziplin heute: das ist fr Foucault nicht mehr die einseitige 
Subsumtion der Gesellschaft oder eines Teils derselben unter ein vorab 
feststehendes Schema, sondern weit eher der Zirkel von Manipulation 
und rckwirkendem Bedrfnis, wie ihn Horkheimer und Adorno in der 
'Dialektik der Aufklrung' entfalten. Foucault hat von der Dialektik, 
insbesondere von Hegel, nicht viel gehalten (Knzel 1985). Seine These 
indes, da in der Geschichte der Disziplinierung ein Wechsel von 
subsumtionslogischen Praktiken zu netzfrmigen und zirkulren 
Strukturen zu beobachten ist, vollzieht in etwas roheren Begriffen den 
bergang von der Transzendentalitt zur Totalitt, wie ihn Hegel 
gegenber Kant, wenn auch unter ganz anderen Voraussetzungen, 
vollzogen hat. Wie wir sehen werden, rhren die Schwchen der Theorie 
der Disziplinargesellschaft zu einem nicht geringen Teil aus der 
Weigerung Foucaults, daraus die ntigen kategorialen Konsequenzen zu 
ziehen.
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  Bevor ich auf die Einwnde zu sprechen komme, die dieses Konzept 
hervorgerufen hat, empfiehlt es sich, noch fr einen Augenblick bei 
den Beziehungen zu verweilen, die sich zu hnlich gelagerten 
Bestrebungen in der modernen Soziologie ergeben. Foucaults Analyse 
erinnert an manchen Stellen an Max Weber, der in der Disziplin eine 
Schlsselkategorie der modernen Gesellschaft gesehen hatte - der 
brokratischen Amtsdisziplin, der Parteidisziplin, der Disziplin des 
Massenheeres, der Arbeitsdisziplin und nicht zuletzt der religisen 
Disziplin der 'methodischen Lebensfhrung'. Sie weist, etwa in der 
Behandlung der Manufaktur, Berhrungspunkte zu Marx auf, ferner zu 
Elias, zu Oestreichs Theorie der 'Sozialdisziplinierung' und nicht 
zuletzt zum kritischen Marxismus von Lukcs bis Adorno, dessen 
Zentralthema die Beziehung zwischen Warenform, Rationalisierung und 
Disziplinierung war18.
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  Foucault bezieht sich indes auf keines dieser Vorbilder positiv - 
teils schlicht aus Unkenntnis, wie er selbstkritisch mit Bezug auf die 
Kritische Theorie gesteht (1983), teils in bewuter Abgrenzung von 
einer Diskurstradition, die ihm allzusehr von der Obsession einer 
'globalen Geschichte' geschlagen zu sein scheint, d.h. dem 
Unterfangen, den Gesamtzusammenhang einer Epoche oder einer 
Gesellschaft aus einer zentralen Struktur abzuleiten. Nach seiner 
berzeugung ist die Annahme, da sich innerhalb einer Gesellschaft ein 
System homogener Beziehungen feststellen lt, ein Netz von 
Kausalitten, das eine Zurckfhrung der verschiedenen Elemente auf 
ein verborgenes Zentrum gestatte, pure Ideologie, eine Illusion, in 
der sich der 'transzendentale Narzimus' des abendlndischen Denkens 
spiegelt: der Glaube an die Stifterfunktion eines souvernen Subjekts 
und an die Garantie, "da alles, was ihm entgangen ist, ihm 
wiedergegeben werden kann" (1973, 23). So stark ist Foucaults 
antithetische Fixierung auf diesen Subjektivismus, da er die 
Mglichkeit einer nichtsubjektivistischen, um eine Theorie der 
gesellschaftlichen Synthesis zentrierten 'globalen Geschichte', wie 
sie in den oben erwhnten Arbeiten durchaus angelegt ist, an keiner 
Stelle in Erwgung zieht.
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  Die dadurch entstandene Lcke sucht Foucault mit dem Begriff der Macht 
zu fllen. Macht, im Nietzscheschen Sinne eines lebensphilosophisch-
ontologisch verstandenen 'Willens zur Macht', avanciert fr ihn zum 
Universalschlssel fr alle gesellschaftlichen und geistigen 
Phnomene. Auf ihr beruhen die Beziehungen zwischen den Geschlechtern 
ebenso wie die zwischen den Generationen, die Beziehungen innerhalb 
einer Institution wie die zwischen Institutionen im ganzen, die 
Beziehungen zwischen Individuen wie die zwischen Gruppen und Klassen. 
Das Individuum selbst ist, wie gezeigt, ein Produkt der Macht, "eine 
Form der Individuation der Disziplin" (1982, 3). Das gleiche gilt fr 
die modernen, um das Individuum zentrierten Diskurse der 
Humanwissenschaften, wie fr den wissenschaftlichen Diskurs 
schlechthin. Man msse, so verkndet Foucault, einer Denktradition 
entsagen, derzufolge es Wissen nur dort geben knne, wo die 
Machtverhltnisse suspendiert seien. "Eher ist wohl anzunehmen, da 
die Macht Wissen hervorbringt (und nicht blo frdert, anwendet, 
ausnutzt); da Macht und Wissen einander unmittelbar einschlieen; da 
es keine Machtbeziehungen gibt, ohne da sich ein entsprechendes 
Wissensfeld konstituiert, und kein Wissen, das nicht gleichzeitig 
Machtbeziehungen voraussetzt und konstituiert" (1976, 39). Wie in der 
idealistischen Philosophie und ihren sptromantischen Wurmfortstzen 
die ganze Welt als Geist oder Wille gedacht wird, so enthllt sich 
auch bei Foucault das Sein als Manifestation eines einzigen Prinzips, 
das in unterschiedlichen Aggregatzustnden auftritt: in reiner, 
bewegter Form als "immerwhrende Schlacht", als Strom von Krften und 
Gegenkrften; und in erstarrter, blockierter Form, in der sich die 
Macht zur 'Herrschaft' verfestigt hat (ebd. 38; 1985, 11). Man fhlt 
sich an die Metaphysik Heraklits erinnert - freilich an eine Version, 
in der der Logos nicht lnger Harmonie stiftet, sondern selbst zu 
einer Funktion des Kampfes geworden ist.
  
  Mit dieser Fundierung in einer Metaphysik der Macht hat Foucault sein 
Konzept der Disziplinargesellschaft angreifbar gemacht. Die Kritik 
richtet sich vor allem gegen den Reduktionismus, der dieses Konzept 
durchzieht. Die Machttheorie, lautet ein erster Einwand, lse die 
eigensinnige Entwicklungslogik rechtlicher und moralischer Normen in 
die blindzufllige Evolution von Gewaltverhltnissen auf und bergehe 
damit "die unverkennbaren Gewinne an Liberalitt und 
 Rechtssicherheit", die doch nicht zuletzt auf straf- und 
strafprozerechtlichem Gebiet evident seien19. Sie reduziere, so der 
zweite Einwand, die komplexen Vorgnge der Sozialisation und 
Individuation in behavioristischer Manier auf eine Folge von 
unentwegten Konditionierungen und setze Individualitt zu einer "durch 
Auenreize produzierte(n), mit beliebig manipulierbaren 
Vorstellungsinhalten belegte(n) Innenwelt" herab; damit werde der 
Gewinn an Freiheit und Ausdrucksmglichkeit verspielt, den die 
"Etablierung und Verinnerlichung der subjektiven Natur" gebracht habe 
(Honneth 1985, 210; Habermas 1985, 337, 342; Turner 1987, 233, 238). 
Ein dritter Einwand zielt auf die machttheoretische Auflsung der 
Geltungsproblematik. Foucault, so Honneth, stelle sich nicht der 
Frage, wie denn die blo unter dem Gesichtspunkt sozialer 
Machtgewinnung entwickelten Diskurse in ganz anderen 
Handlungskontexten, etwa dem der technischen Beherrschung von 
Naturprozessen, von Erfolg gekrnt sein knnten 20. Da die 
vollstndige Leugnung universalistischer Geltungsansprche im Ergebnis 
auf ein "relativistisches Selbstdementi" auch der Machttheorie 
hinauslaufe, hat Habermas in einer scharfsinnigen Argumentation 
dargelegt (Habermas 1985, 327; Fink-Eitel 1980, 67f.; Bambach 1984; 
Taylor 1984). Weder fr die Eigenart normativer noch fr diejenige 
kognitiver Mechanismen, so lt sich die Kritik resmieren, hat die 
Machttheorie einen angemessenen Raum. Sie ist deshalb ungeeignet, die 
Komplexitt moderner Gesellschaften zu erfassen.
  
  Diese Einwnde sind schlagend. Um von den zuletzt genannten kognitiven 
Mechanismen zuerst zu sprechen, so ist Foucault zwar zuzugeben, da 
eine ganze Reihe von Diskursen in der frhen Neuzeit mit politischen 
Vorzeichen ins Dasein tritt und somit durchaus einer 
machttheoretischen Interpretation entgegenkommt. Es gibt in der Tat 
eine politische Anatomie und eine politische Technologie, wie ja auch 
bekanntlich die konomie sich zunchst als politische konomie 
begreift und offen die enge Verzahnung von Herrschaftsinteressen und 
Wirtschaftsordnung einbekennt. Alle diese Diskursformationen 
verweisen, wie unschwer zu sehen ist, auf die Intensivierung der 
politischen Rationalisierung, welche durch die Entstehung eines 
europischen Staaten- und Weltsystems seit dem 16. Jh. ausgelst wurde 
und namentlich in einigen kontinental-europischen Lndern zu einer 
weitreichenden Militarisierung und Brokratisierung fhrte, aus der 
der well-ordered police state des 17. und 18. Jhs. mit seiner Politik 
der Sozialdisziplinierung hervorging (Raeff 1983; Rassem 1983; Schulze 
1987).
  
  Soweit Foucault diese durch die Konkurrenz der frhmodernen Staaten 
vermittelte politische Rationalisierung und deren Ausgreifen auf die 
unterschiedlichsten Lebensbereiche beschreibt, ist ihm nicht zu 
widersprechen. Die Machttheorie zielt indes darber hinaus und setzt 
sich dadurch der Kritik aus. Wenn es nmlich einen herausragenden Zug 
in der Entwicklung seit dem 19. Jh. gibt, dann den, da sowohl die 
Gesellschaft als auch die Wissenschaft immer weniger durch ihr 
politisches Vorzeichen bestimmt sind und sich stattdessen in Formen 
abstrakt und anonym gewordener Verhltnisse realisieren, die sich mit 
dem Begriff der Macht nur mehr um den Preis einer Contradictio in 
adiecto bezeichnen lassen. Die unterschiedslose Subsumtion der 
politisch strukturierten Gesellschaft des Ancien Rgime und der 
modernen kapitalistischen Gesellschaft unter einen Begriff der Macht, 
der von Foucault selbst als "Fortsetzung des Krieges mit anderen 
Mitteln", als eine Form "kriegerischer Herrschaft " und als 
"verallgemeinerter Krieg" (1978, 71, 40; 1976, 38, 217) definiert 
wird, verdeckt die grundlegende Tatsache, da die heutige Welt, wie 
Marx es ausgedrckt hat, eine Welt der sachlichen 
Abhngigkeitsverhltnisse im Gegensatz zu den persnlichen ist, eine 
Welt, in der die Individuen "von Abstraktionen beherrscht werden, 
whrend sie frher voneinander abhingen" (Marx 1974, 81f.).
  
  Dieser Satz gilt fr den Funktionszusammenhang der kapitalistischen 
Gesellschaft, der sich nach Marx bekanntlich so sehr anonymisiert, da 
selbst der Kapitalist im Zuge der Entwicklung zum Aktienkapital als 
berflssige Person aus dem Produktionsproze verschwindet. Er gilt in 
noch eminenterem Sinne fr Wissenschaft und Technik, die mit 
Willenskategorien nicht mehr begriffen werden knnen. Wissenschaft und 
Technik gehorchen keinem einzigen der Kriterien, die Foucault fr die 
Macht anfhrt. Sie sind weder relational noch intentional, noch 
partikular-interessengebunden, noch militrisch-kriegerisch, obwohl 
ihnen diese Dimensionen sekundr durchaus zukommen knnen. Ihre 
Kriterien sind ausnahmslose Geltung (solange keine Falsifizierung 
vorliegt), absolute Notwendigkeit, durchgehende rationale 
Gesetzmigkeit und Autonomie im Sinne der Kontrolle ber ihre 
Voraussetzungen. Wissenschaft und Technik sind keine Funktion der 
Macht, sie ersetzen vielmehr das Gefge wechselnder 
Willensverhltnisse durch ein System, das selbstreferentiell und 
'autopoietisch' (Luhmann) prozediert, d.h. nur solche Elemente 
verwendet, die innerhalb des Systems selbst konstituiert werden. Ein 
solches Verstndnis schliet nicht aus, die Autopoiesis von 
Wissenschaft und Technik ihrerseits als gesellschaftlich produziert 
und durch die herrschende gesellschaftliche Struktur vermittelt zu 
begreifen; wohl aber, sie wie Foucault auf ein bloes Machtspiel zu 
reduzieren.
  
  Als in gleicher Weise inadquat erweist sich die Machttheorie im 
Hinblick auf normative Mechanismen. Zwar fehlt der Begriff der 'Norm' 
durchaus nicht in Foucaults Arbeiten, wie dies ja auch bei 
Untersuchungen, die mit dem Strafsystem zu tun haben, kaum zu 
vermeiden ist. Wie Canguilhem jedoch, auf dessen Vorarbeiten er sich 
explizit beruft, versteht Foucault diesen Begriff ausschlielich im 
Sinne der modernen Industrienormen, als ein Richtma, das dazu dient, 
"einem Daseienden, Gegebenen eine Forderung aufzuzwingen, von der aus 
sich Vielfalt und Disparatheit dieses Gegebenen als ein nicht blo 
fremdes, sondern feindliches Unbestimmtes darstellen" (Canguilhem 
1977, 163). Die Macht der Norm kommt nach diesem Verstndnis vor allem 
in der Disziplin zum Ausdruck, in den verschiedenen Techniken der 
Normierung und Normalisierung, die die Individuen einem System 
zwanghaft fixierter Verhaltensschemata unterwerfen und dadurch 
Stabilitt und Homogenitt des Herrschaftsgefges sichern. 
"Disziplinarische Normalisierung", sagt Foucault, "ist der Entwurf 
eines optimalen Modelles, die Operation der Disziplin besteht darin, 
die Leute an dieses Modell anzupassen" (1982, 8).
  
  Es ist unstrittig, da dieses Konzept eine Vielzahl von Praktiken 
einfngt, die in den herkmmlichen Ideen- und Rechtsgeschichten 
notorisch unterbelichtet bleiben; der Stellenwert, der ihnen in einer 
nichtreduktionistischen Theorie der Rationalisierung zukommt, wird 
noch zu errtern sein. Nicht weniger evident ist indes, da es nur 
einen Ausschnitt aus jenem breiten Spektrum von Formierungs- und 
Kontrollmechanismen erfat, wie es lange vor Foucault eindrucksvoll 
von Kant skizziert worden ist. In seiner Vorlesung ber Pdagogik 
(1803), die Foucault bei seiner Arbeit an der bersetzung der 
'Anthropologie in pragmatischer Hinsicht' sicher nicht entgangen sein 
wird21, schrnkt Kant die Disziplin auf die Rolle eines blo negativen 
Fundaments ein: Fundament, weil die Disziplin oder Zucht die Tierheit 
in die Menschheit umwandle und verhte, da die Individuen durch ihre 
animalischen Antriebe von ihrer menschlichen Bestimmung abgelenkt 
wrden; nur negativ, weil die Disziplin blo Fehler verhindere, ohne 
selbst eigene positive Ziele geben zu knnen. Neben dieser 'blo 
physischen' Erziehung durch Disziplinierung kennt Kant die praktische 
Erziehung, die sich ihm als ein Bndel komplexer, neben dem ueren 
Verhalten zunehmend auch das Innere erfassender Strategien darstellt: 
als Kultivierung, die die ntigen Fertigkeiten und Geschicklichkeiten 
vermittelt; als Zivilisierung, die die fr den gesellschaftlichen 
Verkehr unentbehrlichen Formen der Affektmodellierung und 
Triebkontrolle bereitstellt; und als Moralisierung, die auf die 
Unterwerfung der je subjektiven Zwecke und Motive unter 
gesellschaftliche, d.h. universalistische Prinzipien zielt. "Der 
Mensch soll nicht blo zu allerlei Zwecken geschickt sein, sondern 
auch die Gesinnung bekommen, da er nur lauter gute Zwecke erwhle. 
Gute Zwecke sind diejenigen, die notwendigerweise von jedermann 
gebilligt werden; und die auch zu gleicher Zeit jedermanns Zwecke sein 
knnen" (Kant 1968, XII, 707).
  
  Gewi lt sich heute an Kants Pdagogik nicht mehr umstandslos 
anschlieen: einmal, weil die Ethik, auf der sie beruht, die 
Sozialisation in eine abstrakte Gesellschaft zum Telos hat (Adorno, GS 
6, 211ff.), dann aber auch, weil der Disziplinbegriff mit seiner 
Beschrnkung auf rein negative Funktionen zu eng ist und Kants eigenen 
Darlegungen nicht entspricht: Wenn es nicht nur eine Disziplin des 
Krpers und der Affekte, sondern auch eine Disziplin der reinen 
Vernunft gibt, so sind zumindest die Grenzen zwischen Disziplinierung 
und Kultivierung (im Sinne einer Ausbildung kognitiver Fhigkeiten) 
weit durchlssiger, als Kant wahrhaben will22. Gegenber Foucaults 
extensivem Verstndnis von Disziplin indes, das auch noch 
interaktionsbezogene und normative Mechanismen umfat, ist Kants 
Modell vorzuziehen, weil es die verschiedenen Dimensionen des modernen 
Formierungsprozesses klarer differenziert: die nichtdiskursiven 
Praktiken fr die Schaffung gehorsamer und gelehriger Krper; die 
Formung eines methodisch-disziplinierten wissenschaftlichen Verstandes 
durch Schulung/Unterweisung, welche freilich auf den nichtdiskursiven 
Praktiken des Drills und der Bestrafung aufbaut und sich nicht selten 
darin erschpft, wie ein Blick in die Geschichte der 'Schwarzen 
Pdagogik' lehrt (Rutschky 1977; Stone 1979, 115ff.; de Mause 1980, 66 
ff.); die mit dem Begriff der Zivilisierung umschriebene Sublimierung 
von Interaktionsanforderungen, die fr das Leben bei Hofe oder in der 
guten Gesellschaft erforderlich war; und jene singulre, untrennbar 
mit dem okzidentalen Brgertum verbundene Strategie der Moralisierung, 
die das Prinzip des 'affektiven Individualismus' (Stone) mit der 
Implantation eines 'vorhergehenden Gewissens' verkoppelte (Kittsteiner 
1984). Erst diese letztere Strategie vollendet die berwindung des 
Naturzustands, weil allein sie in jene inneren Reservate vorzudringen 
vermag, die sowohl der Disziplinierung als auch der Kultivierung und 
Zivilisierung als blo uerlichen Konditionierungsweisen unzugnglich 
bleiben. Kant hat daher in der Moralisierung das hchste und zugleich 
am schwersten erreichbare Ziel der Erziehung gesehen:
  
  "Wir sind im hohen Grade durch Kunst und Wissenschaft kultiviert. Wir sind zivilisiert, bis zum berlstigen, zu allerlei gesellschaftlicher 
Artigkeit und Anstndigkeit. Aber, uns fr schon moralisiert zu halten, daran fehlt noch sehr viel. Denn die Idee der Moralitt gehrt 
noch zur Kultur; der Gebrauch dieser Idee aber, welcher nur auf das Sittenhnliche in der Ehrliebe und der ueren Anstndigkeit 
hinausluft, macht blo die Zivilisierung aus. So lange aber Staaten alle ihre Krfte auf ihre eiteln und gewaltsamen 
Erweiterungsabsichten verwenden, und so die langsame Bemhung der inneren Bildung der Denkungsart ihrer Brger unaufhrlich 
hemmen, ihnen selbst auch alle Untersttzung in dieser Absicht entziehen, ist nichts von dieser Art zu erwarten; weil dazu eine lange 
innere Bearbeitung des gemeinen Wesens zur Bildung seiner Brger erfordert wird" (Kant 1968, XI, 44f.).
  
  Der Vorzug dieses differenzierten Modells gegenber Foucaults 
pauschalisierender Rede von Normierung/Normalisierung besteht darin, 
da es eine ganze Reihe von Forschungen zu integrieren vermag, von 
denen Foucault nur am Rande oder gar nicht Notiz nimmt, obwohl sie 
sein Thema unmittelbar berhren. Auf dem Gebiet der Disziplinierung 
ist hier etwa an die verschiedenen religs-ethisch motivierten Formen 
der Selbstdisziplin zu denken, wie sie in der frhen Neuzeit vom 
Neostoizismus oder vom Puritanismus propagiert wurden 
(Treiber/Steinert 1980, 90, 104ff.; Leites 1988); auf dem Gebiet der 
Kultivierung an die Bedeutung der Alphabetisierung und 
Literarisierung, die seit dem 16. Jh. einem stets wachsenden Teil der 
Bevlkerung Zugang zu einem der wichtigsten Machtmittel verschafften, 
gleichzeitig aber auch die Basis staatlicher Herrschaft erweiterten 
(Schenda 1981; Spittler 1980); auf dem Gebiet der Zivilisierung 
natrlich an die Arbeiten von Norbert Elias ber die 
Verhaltensnderungen in den weltlichen Oberschichten des Abendlands, 
die zum Vorbild fr zahlreiche weitere Untersuchungen geworden sind 
(Gleichmann 1979, 1984; Krumrey 1984; Schrter 1985). Der Proze der 
Moralisierung endlich ist zu wissenschaftlicher Prominenz 
hauptschlich im Zusammenhang mit den Diskussionen ber die 
protestantische Ethik gelangt, doch war er damit mitnichten zuende: so 
hat z.B. Wolfgang Dreen die berlegenheit der franzsischen 
Revolutionsarmeen gegenber dem Heer friderizianischer Prgung mit der 
greren taktischen Beweglichkeit erklrt, welche das 
Erziehungsprinzip der moralischen Selbstregulierung gegenber einer 
blo mechanischen Disziplin gewhrt (Dreen 1982, 266f.); ein anderes 
Beispiel ist der auffllige Rckgang der Verbrechensrate in der Zeit 
zwischen ca. 1840 und 1930, der von manchen Autoren mit dem Hinweis 
auf jene eigentmliche Intensivierung des Moralbewutseins erklrt 
wird, welche sich an so unterschiedlichen Phnomenen wie der aus der 
evangelikalen Erweckungsbewegung hervorgegangenen Stadtmissionierung, 
den philanthropisch inspirierten Reformen des Sozial- und 
Erziehungswesens und der Ausbreitung des Temperenzlertums ablesen 
lasse23. Ob diese Hypothese stimmt oder nicht - sie steht immerhin in 
Widerspruch zu der von Durkheim anhand der kontrr verlaufenden 
Selbstmordkurve entwickelten Anomiethese -, ist eine Frage, die nur 
empirisch entschieden werden kann. Da sie berhaupt aufgestellt und 
mit plausiblen Argumenten untermauert werden kann, ist allerdings ein 
Indiz fr die Notwendigkeit, den kategorialen Rahmen nicht dadurch von 
vornherein einzuschrnken, da man Moralisierung auf eine Variante der 
Disziplinierung reduziert24.
  
  Die Bilanz, die nach dieser ersten kritischen Runde gezogen werden 
mu, sieht nicht gnstig aus. Die Machttheorie, die das Konzept der 
Disziplinargesellschaft tragen soll, vermag diese Aufgabe nicht zu 
erfllen. Sie ist reduktionistisch und simplifizierend, sie produziert 
Pseudoevidenzen und fhrt dazu, die Bewegung des Gedankens vorschnell 
zu sistieren. Sie prsentiert sich als objektive Genealogie und ist 
doch in Wahrheit reiner Subjektivismus, der alles, was ist, auf Wille 
und Handlung zurckfhrt. Sie verspricht eine neue, 
nichttotalisierende Geschichte und totalisiert doch selbst, nur sehr 
viel schlechter als etwa Marx oder Hegel, indem sie alle Differenzen 
in den allgemeinen Nebel der 'Macht' auflst. Auf dieser Grundlage ist 
das Projekt einer Theorie der Disziplinargesellschaft undurchfhrbar.
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    III
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  Mu man dieses Projekt damit verabschieden? Der Tenor der Kritik weist 
in diese Richtung. Habermas, der sich gleichwohl von Foucaults 
Analysen der kapillarischen Wirkungen der Disziplin fasziniert zeigt, 
ist vom "Primat der Lebenswelt" gegenber den vermachteten und 
disziplinr organisierten Subsystemen der modernen Gesellschaft zu 
tief berzeugt, als da er mit der Diagnose eines 'Kerker-Kontinuums' 
sich anfreunden knnte. Eine derartige Charakterisierung erscheint ihm 
als unhaltbar, weil sie die Zweideutigkeit des 
Modernisierungsprozesses, das Nebeneinander von pathologischen und 
emanzipatorischen Zgen, unterschlage. hnlich sieht es Honneth: das 
von Foucault entworfene "Zwangsmodell gesellschaftlicher Ordnung", das 
im Ergebnis auf verblffende Weise mit Adornos Vision der verwalteten 
Welt bereinstimme, sei unbrauchbar, weil in ihm die "normativen und 
kulturellen Orientierungen der vergesellschafteten Subjekte" keinen 
Anteil an der sozialen Integration htten25.
  
  Dennoch ist es gerade dieser Zug, der das Modell der 
Disziplinargesellschaft so aktuell macht. Wie realittsnah Foucaults 
Untersuchungen trotz ihrer theoretischen Schwchen sind, zeigt sich 
nirgends deutlicher als in dem Umstand, da etwa Habermas in seinen 
empirisch gerichteten Gegenwartsdiagnosen dem Konzept der 
Disziplinargesellschaft erheblich nher kommt, als es die theoretisch-
programmatische Distanzierung gestattet. Nicht anders als Foucault 
konstatiert auch er eine "Ausdehnung und Verdichtung des monetr-
brokratischen Komplexes", die zu einer Entmchtigung des 
kommunikativen Handelns fhre; nicht anders als der Theoretiker der 
Macht-Wissen-Komplexe registriert auch er das  "hypertrophe Wachstum 
der mediengesteuerten Subsysteme, welches ein bergreifen 
administrativer und monetrer Steuerungsmechanismen auf die Lebenswelt 
zur Folge hat" (Habermas 1981, 516, 460, 489). Gewi - Habermas geht 
nicht so weit, auch im Individuum ein bloes Korrelat von 
Machttechniken zu sehen. Da die gesellschaftliche Ordnung der Moderne 
aber auf weite Strecken von nichtnormativen Praktiken regiert wird, 
rumt auch er ein: "Indem sich die Subsysteme Wirtschaft und Staat 
ber die Medien Geld und Macht aus einem in den Horizont der 
Lebenswelt eingelassenen Institutionensystem ausdifferenzieren, 
entstehen formal organisierte Handlungsbereiche, die nicht mehr ber 
den Mechanismus der Verstndigung integriert werden, die sich von 
lebensweltlichen Kontexten abstoen und zu einer Art normfreier 
Sozialitt gerinnen" (ebda; 455). Als deskriptiver Begriff ist das 
Konzept der Disziplinargesellschaft also offenbar doch nicht vllig 
unbrauchbar; und es gewinnt noch an berzeugungskraft, wenn man sieht, 
wie bla und leer der von Habermas als Konterkategorie eingefhrte 
Begriff der Lebenswelt letztlich bleibt.
  
  Tatschlich ist das Konzept zu negieren und festzuhalten zugleich. Es 
ist zu negieren, soweit es sich zur Totalitt aufspreizt und sich als 
Aussage ber das Ganze der modernen Gesellschaft prsentiert, wie dies 
in der Redeweise vom "Kerker-Gewebe der Gesellschaft" oder vom 
"verallgemeinerte(n) Kerkersystem, das in die Tiefe des 
Gesellschaftskrpers hineinwirkt" (1976, 392, 390), geschieht. Die 
Gesellschaft ist kein Gefngnis und die Vernunft nicht die Folter. 
Festzuhalten aber ist das Konzept, insofern es das Faktum registriert, 
da die Disziplin den brigen von Kant herausgearbeiteten 
Formierungsmechanismen eindeutig den Rang abgelaufen hat. So entpuppt 
sich beispielsweise ein erheblicher Teil der von Elias unter dem Titel 
'Zivilisierung' beschriebenen Konditionierungsvorgnge (etwa des 
Sexualverhaltens oder der Reinlichkeitsdressur) bei nherem Hinsehen 
als eine Variante der Disziplinierung, wohingegen die typischen 
Manifestationen von Zivilisation (im Sinne z.B. des Raffinements der 
Konversation, der Steigerung der Distinktionsfhigkeit oder einfach 
des schonenden und taktvollen Umgangs miteinander) ihren sozialen 
Trger - die hfische Aristokratie und das noch halb aristokratische 
Brgertum des 18. und 19. Jhs. - nicht berlebt haben. Da hfische 
Interaktionsformen ohne wesentlichen Kontinuittsbruch von der 
industriellen Gesellschaft bernommen und zu konstitutiven Merkmalen 
bestimmter Nationalcharaktere erhoben worden seien - diese seine 
Zentralthese belegt Elias nicht, und sie leuchtet auch nicht ein vor 
dem Hintergrund einer Konfiguration, die nicht mehr wie die hfische 
Gesellschaft von einer konomie der Verschwendung geprgt ist, sondern 
von einer 'konomie der Zeit' (Marx), die die Zivilisationskurve des 
Essens auf das Niveau von fast food und die der Erotik auf dasjenige 
von quickies herabgedrckt hat. Wie weiter oben gezeigt, gewinnen denn 
auch seit einiger Zeit Theorien an Plausibilitt, die die Epoche in 
geradem Gegensatz zu Elias im Zeichen einer skularen Entzivilisierung 
sehen.
  
  Ein hnlicher Wandel zeichnet sich auf dem Gebiet der Moralisierung 
ab. Nicht da moralische Codierungen an Prominenz verlren oder keinen 
Einflu auf Interaktionen und Entscheidungen mehr ausbten. Ganz im 
Gegenteil. Der moralische Protest beispielweise (um nur eine der 
vielfltigen Erscheinungsformen des Moralischen herauszugreifen) 
verfgt heute ber ein so ausgedehntes Themenreservoir und ein so 
breites Rekrutierungsfeld, da seine Regenerationsfhigkeit auf 
lngere Zeit gesichert ist. Es gibt immer wieder eine neue Diktatur, 
auf die sich pltzlich die Aufmerksamkeit richtet, immer wieder eine 
neue Dummheit irgendwelcher Exekutiven, an der sich die Flamme der 
Emprung entznden kann. Im Zeitalter des Satellitenfunks wchst die 
Zahl der Ungerechtigkeiten mit den im Einsatz befindlichen 
Nachrichtenjgern und fhrt dem Dauerprotest immer neue Motive zu.
  
  Von der Moralisierung indes, wie sie Kant vor Augen hatte und wie sie 
auch der brgerlichen Pdagogik des 19. Jhs. vorschwebte, mssen diese 
Erscheinungsformen strikt getrennt werden. Die brgerlich-
protestantische Moralisierung zielte auf Formung des Ungeformten, auf 
Domestizierung jenes in den unauslotbaren Tiefen der Seele noch 
fortwirkenden Naturzustandes, der auf staatlich-juridischer Ebene mit 
dem Abschlu des Gesellschaftsvertrages berwunden worden war. Ihr 
Erziehungsmodell war jener von Riesman treffend beschriebene 
innengeleitete Charakter, der sich an die Signale eines frhzeitig 
internalisierten seelischen Kreiselkompasses gebunden fhlte und 
dergestalt individuelle Autonomie mit gesellschaftlicher, 
prinzipiengesteuerter Orientierung verband.
  
  Durch die Dialektik der brgerlichen Gesellschaft wird diesem Typus 
die Grundlage entzogen. Schon Freud registrierte, da nur eine 
Minderheit ber ein steuerndes und lenkendes Gewissen verfgte, 
whrend die Mehrzahl davon nur ein bescheidenes Ma mitbekommen habe 
(Freud I; 500); hnlicher Ansicht war Max Weber, fr den das 
'stahlharte Gehuse' des Kapitalismus lngst ohne die Verinnerlichung 
einer spezifischen Berufsethik funktionierte, oder Georg Simmel, fr 
den die Moderne eine Individualisierung wie noch zu Rembrandts oder 
Shakespeares Zeiten ausschlo; die heutigen Individuen, meinte Simmel, 
seien "nichts als die Oszillationen in einer heraklitischen Welt, zu 
deren Totalitt sie die Zugehrigkeit nur um den Preis gewinnen, 
jegliche Substanz und Lebenseinheit dem bloen Jetzt des absoluten 
Werdens preiszugeben" (Simmel 1919, 138). Nicht anders sahen es spter 
so gegenstzliche Autoren wie Adorno, von dessen Auffassung noch 
ausfhrlicher die Rede sein wird, und Arnold Gehlen, fr den die 
Moderne einerseits durch 'Schnittpunktexistenzen', andererseits durch 
eine ungemeine Ausdehnung der Willkr bestimmt war. Gerade weil die 
Individuen in einer von Automatismen und Schematismen geprgten Welt 
nichts Wirkliches mehr verndern knnten, so Gehlens These, strzten 
sie sich in einen ungehemmten Subjektivismus, eine 
'Moralhypertrophie', die ebenso exaltiert wie folgenlos sei26. Da 
eine derart zum Mittel des persnlichen Ausdrucks gewordene Moral noch 
als 'Schrittmacher der sozialen Evolution' (Habermas) fungieren 
knnte, erscheint unwahrscheinlich, was freilich politische und 
soziale Folgen des expressiven Moralismus keineswegs ausschliet. Im 
Hinblick auf die Gesamtgesellschaft jedenfalls drfte die Vermutung 
Luhmanns realistischer sein, da "die Dominanz funktionaler 
Differenzierung, wenn und soweit sie sich als Formprinzip der 
Gesellschaft durchsetzt, die Moral evolutionr abhngt und ideologisch 
wie motivational disprivilegiert"27. Das Ende der Moral ist damit 
nicht erreicht. Wohl aber jener Moralisierung, von der noch Kant 
trumte.
  
  Um so ungehemmter breitet sich die andere Erfindung der Aufklrung 
aus, die 'dunkle Kehrseite' der Moralisierung und Zivilisierung - die 
Disziplin. Zu den klassischen totalen Institutionen - Kloster und 
Kaserne - sind seit dem 19. Jh. zahllose andere hinzugekommen: 
Institutionen der aufbewahrenden Frsorge wie Blinden- und 
Altersheime, Waisenhuser und Armenasyle; der isolierenden Frsorge 
wie Krankenhuser und Psychiatrien; der Einschlieung und Absonderung 
wie Zuchthuser, Gefangenen-, Konzentrations- und Arbeitslager. Durch 
die Vermehrung und Expansion dieser Disziplinaranlagen verwandelt sich 
die Gesellschaft nicht in ein Kerker-Kontinuum. Wie Goffman zu Recht 
bemerkt, sind totale Institutionen weder mit der Arbeit-Lohn-Struktur 
noch mit der familialen Gliederung, noch, wie man hinzufgen kann, mit 
der auf Konkurrenz gegrndeten Organisation des politischen Systems 
vereinbar (Goffman 1972, 22ff.). Unverkennbar ist jedoch, da 
disziplinre Mechanismen auch in den offenen, durch freie 
Mitgliedschaft gekennzeichneten Institutionen eine dominierende Rolle 
spielen. Disziplinr organisiert, sogar mit einem eigenen 
Disziplinarrecht ausgestattet, ist der gesamte Staatsapparat mit 
seinem stehenden und seinem sitzenden Heer. Disziplinr organisiert 
sind die privaten gewerblichen Betriebe, wovon schon ein einziger 
Blick in eine Fabrikhalle oder ein Groraumbro zeugt 
(Treiber/Steinert 1980; Fritz 1982) - ganz zu schweigen von den rasch 
expandierenden mikroelektronischen Personalinformationssystemen, die 
Zugang, Leistung und Kommunikation innerhalb der Betriebe einer 
lckenlosen Kontrolle unterwerfen und, indem sie das Auge des Meisters 
durch das zwingende Wissen des Computers ersetzen, eine neue Stufe in 
der Evolution der Disziplin ankndigen: die Automatisierung der 
Disziplin (Ortmann 1984, 107ff.; Poster 1984, 115). Der organisierte 
Massensport, vom Volkslauf bis zum Werksfuball, ist eine einzige 
Disziplinaranlage (Rigauer 1982; Eichberg 1986, 185ff.); und ohne 
Disziplin geht im modernen Massentourismus nichts. Auch in der 
politischen Demokratie dominieren brokratische Apparate und 
hierarchisch strukturierte Entscheidungsprozesse. Selbst die 
Opposition gegen diese Apparate und die von ihnen erzwungene Disziplin 
kommt nicht umhin, ihre Anhnger zu reglementieren und dabei ihr 
charismatisches Kapital aufzuzehren. Kein Zweifel: in einer 
Gesellschaft, die den weitaus grten Teil ihrer Funktionen ber 
Organisationen abwickelt, ist Disziplin - die pauschale Anerkennung 
und automatische Befolgung der Mitgliedschaftsregeln - zur Conditio 
sine qua non geworden. Mit seiner berhmten Metapher vom 'stahlharten 
Gehuse' hat Max Weber diese Entwicklung vor mehr als achtzig Jahren 
antizipiert.
  
  Da dies so kommen konnte, hat freilich nichts mit Machtverhltnissen 
oder 'strategischen Spielen' (Foucault) zu tun, sondern ist eine Folge 
von Systemprozessen, die sich jeder interaktionistischen Deutung 
entziehen. Die moderne Gesellschaft ist das Ergebnis einer 
weltgeschichtlich einzigartigen Desintegration, in deren Verlauf sich 
der in den vormodernen Kulturen politisch oder religis eingekapselte 
Modus der funktionalen Differenzierung verselbstndigte und zur 
Evolution neuer, hchst unwahrscheinlicher und riskanter Synthesen 
trieb. Anstelle der autarken Lokalgesellschaften des Mittelalters trat 
ein interdependentes Verflechtungssystem, das den gesellschaftlichen 
Stoffwechsel mit der Natur von der Vermittlung durch die Zirkulation 
von Waren abhngig machte; anstelle der direkten, familial, politisch-
herrschaftlich und religis begrndeten Bindungen eine indirekte 
Synthese, in der die einzelnen ihre Verklammerung in das bergreifende 
Verflechtungsnetz erst auf dem Markt erfuhren.
  
  Die Auswirkungen dieses Strukturwandels hat Marx auf immer noch 
berzeugende Weise dargestellt. Er hat gezeigt, wie die Verdichtung 
von funktionaler Differenzierung und Marktvergesellschaftung dazu 
fhrte, da sich das Wertgesetz als Prinzip der Systemintegration 
durchsetzte, wie dieses Wertgesetz die Homogenisierung der 
Einzelarbeiten durch Messung am Tauschwert, d.h. durch Relationierung 
der in Zeitquanta ausgedrckten abstrakten Arbeit, bewerkstelligte; 
wie diese Homogenisierung mit zunehmender Ausdehnung der Lohnarbeit 
und fortschreitender Vergesellschaftung der Produktion mehr und mehr 
in den Produktionsproze selbst verlagert wurde, indem die Funktionen 
der lebendigen und der toten Arbeit (der Maschinerie) nach 
einheitlichen Zeitmastben koordiniert bzw., um einen Ausdruck Sohn-
Rethels aufzugreifen, 'kommensuriert' wurden; und wie dadurch die 
abstrakte Zeit aus einem nur ideell gesetzten Mastab zum 
beherrschenden Organisationsprinzip der konomie wird. Damit ist nicht 
gesagt, da die zeitkonomische Durchdringung sich in smtlichen 
Produktionszweigen linear und simultan durchsetzt. Wie die kritische 
Modifizierung der Thesen Sohn-Rethels durch die neueren Forschungen 
des 'Instituts fr Sozialforschung' gezeigt hat, vollzieht sich die 
zeitkonomische Rationalisierung in heterogenen Verlaufsformen, die 
durch die variierenden Marktverhltnisse und durch branchenspezifische 
Besonderheiten geprgt sind28. Der skulare Trend bleibt davon jedoch 
unberhrt. Kapitalisierung bedeutet Objektivierung und Erweiterung der 
zirkulationsbegrndeten Formen von Wissen, Kommunikation und 
Organisation; dagegen Formalisierung und Entwertung aller 
'naturwchsig'-spontanen Kompetenzen, Denk- und Erfahrungsmuster. 
"konomie der Zeit, darein lst sich schlielich alle konomie auf" 
(Marx 1974, 89).
  
  Hier, wenn irgendwo, ist die strukturelle Voraussetzung der von 
Foucault beschriebenen Verallgemeinerung der Disziplin zu suchen. 
Natrlich beginnt die Geschichte der Disziplin nicht erst mit der 
brgerlichen Gesellschaft und der fr sie typischen 'Herauslsung' der 
konomie; und natrlich spielen auerkonomische, insonderheit 
politische Mechanismen wie die Konzentration der Verwaltungs- und 
Kriegsbetriebsmittel im absolutistischen Staat eine nicht 
wegzudenkende Rolle fr den bergang von der bloen 'Virtuosen-' zur 
'Sozialdisziplinierung' (Treiber/Steinert 1980, 89; Dreyfus/Rabinow 
1987, 165; Bauer/Matis 1988, 315ff.). Whrend aber diese frhen Formen 
der Disziplinierung des subjektiven Antriebs und der Gewalt nicht 
entbehren knnen - die Menschen, schreibt Friedrich II. von Preuen, 
"bewegen sich, wenn man sie antreibt, und stehen still, wenn man nur 
einen Augenblick aufhrt, sie vorwrts zu drngen"(Hubatsch 1973, 234) 
- kommt es zu einer Objektivierung und damit zu einer dauerhaften 
Verallgemeinerung der Disziplin erst mit der Totalisierung der 
abstrakten Arbeit und dem damit verbundenen Aufstieg der abstrakt-
linearen Zeit zur 'Systemzeit'29. Zeitkonomische Imperative fhren zu 
einer Umstrukturierung des konstanten und einer tiefgreifenden 
Vernderung des variablen Kapitals, welche vor allem die Zurichtung 
der motorischen und sensomotorischen Bewegungsablufe und die 
Zurckdrngung des 'Krper-Wissens' betrifft (Bhle 1989). 
Zeitsparende Mechanismen sedimentieren sich im Aufbau der modernen 
Groorganisationen und stellen auch hier das Verhalten unter das 
Diktat der Zeitdisziplin. Selbst scheinbar so eigenstndige Strukturen 
wie die Prinzipien der vertikalen Kommunikation, der Rollentrennung 
und der Entscheidung nach universalistischen Kriterien lassen sich 
nach Luhmann unter dem Gesichtspunkt interpretieren, da sie 
langwierige interne und externe Kommunikationsprozesse abkrzen sollen 
(Luhmann 1983, 15O). Es drfte nicht schwerfallen, auch im sogenannten 
Freizeitbereich Formen zu identifizieren, die der ubiquitren 
Temporalisierung Rechnung tragen und ihr adquate Rezeptions- und 
Verhaltensstile etablieren (Film, Autokultur). Da die 
'Disziplinarzeit' auf die pdagogische Praxis bergreift und hier zu 
grundlegenden Umwlzungen fhrt, indem sie z.B. die Ausbildungs- von 
der Berufszeit lst, hat Foucault gesehen, allerdings sogleich in den 
Rahmen der Machttheorie gepret: "Die Macht tritt der Zeit sehr nahe 
und sichert sich ihre Kontrolle und ihre Ausnutzung" (1976, 206). In 
Wirklichkeit verhlt es sich genau umgekehrt: die Zeit wird nicht zu 
einer Funktion der Macht, sondern die zur Systemzeit gewordene Zeit 
produziert asymmetrische Handlungs- und Befehlsketten und generiert 
damit Machtrelationen, die das Verhalten der einzelnen determinieren.
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  Axel Honneth hat gegenber einer frheren Fassung dieser Studie den 
Einwand erhoben, sie stelle zu einseitig die Aspekte der 
Herrschaftssicherung und Verdinglichung heraus und verfehle damit die 
bei Foucault doch auch angelegte Einsicht, da "jene Vorgnge eines 
organisierten Ausbaus der Sozialkontrolle stets in einem 
lebensweltlichen Horizont von praktischen Konflikten um die 
Legitimitt sozialer Machtansprche verwirklicht sind" (Honneth 1989, 
238). Diese Kritik ist nun ihrerseits von Einseitigkeiten nicht frei, 
geht sie doch stillschweigend darber hinweg, da ich von 
institutionalisierter Sozialkontrolle allein im Hinblick auf 
organisierte Sozialsysteme gesprochen und weder die Mglichkeit von 
Widerstand noch von moralischen Orientierungen bestritten habe. 
Gleichwohl trifft sie einen Punkt, der in meinen Ausfhrungen in der 
Tat zu kurz kam. Auch organisierte Sozialsysteme lassen sich heute 
zunehmend weniger nur aus der Perspektive des 'Kontroll-Paradigmas' 
fassen, also jenes Interpretationsrasters, das vor allem die 
Reglementierung des Erlebens und Handelns von Personen durch 
Organisationen betont und Subjektivitt auf eine bloe 
Ausfhrungsinstanz des Sozialsystems reduziert (Schimank 1986, 73). 
Dieses Paradagma ist zwar nicht falsch, mu jedoch durch eine andere 
Sichtweise ergnzt werden, derzufolge Subjektivitt nicht blo auf den 
Nachvollzug immer schon konstituierter sozialer Ordnungen beschrnkt 
ist, sondern diese, wenn schon nicht konstituiert, so doch 
mitkonstituiert (ebd. 75). Da fr Foucault erst beide Perspektiven 
zusammen ein vollstndiges Bild ergeben, wurde am Ende des ersten 
Abschnittes gezeigt; Foucault selbst hat es noch einmal in der 
Einleitung zum zweiten Band der Histoire de la sexualit 
unterstrichen, in der er darauf verweist, "da jede 'Moral' im weiten 
Sinn die beiden angegebenen Aspekte enthlt: den der Verhaltenscodes 
und den der Subjektivierungsformen" (1986, 41). Honneth hat also 
recht, auf eine angemessene Behandlung der letzteren zu dringen. Im 
Gegensatz zu der weiteren von ihm vorgeschlagenen Interpretation, die 
hierin eine Strke der handlungs- gegenber den systemtheoretischen 
Komponenten von Foucaults Analysen sieht, mchte ich allerdings die 
These vertreten, da die Bercksichtigung der Subjektivitt in 
organisierten Sozialsystemen nur zu einer Flexibilisierung, nicht aber 
zu einer Sprengung des Begriffs der Disziplinargesellschaft fhrt.
  
  Da das Kontroll-Paradigma unter den Bedingungen rasch anwachsender 
Komplexitt nicht mehr den gleichen Erklrungswert beanspruchen kann 
wie zu Beginn des Jahrhunderts, als Weber seine Brokratietheorie und 
Taylor seine Methoden der wissenschaftlichen Arbeitsgestaltung und 
Betriebsfhrung entwickelte, wird heute durch zahlreiche 
Untersuchungen besttigt, die einen Wandel der Institutionen zu 
weniger hierarchischen, mehr informalen und kollegialen Strukturen 
dokumentieren. Dies gilt etwa fr die Organisationssoziologie, die 
seit lngerem das Zurcktreten der verfahrensorientiert-unpersnlichen 
Strukturen hinter dienstleistungsorientiert-persnlichen Formen 
registriert und Human-Relations-Gesichtspunkte in den Vordergrund 
stellt (Schluchter 1972, 140ff.; Hage 1980). Es gilt aber auch fr die 
Industriesoziologie, die in wichtigen Bereichen eine Abkehr von den 
bislang dominierenden tayloristischen Formen der Zeitkonomie 
festgestellt hat (Kern/Schumann 1984; Bergmann u.a. 1986; Manske 1987; 
Malsch 1987; Wuntsch 1988, 331ff.; Brandt 1990, 358ff.). Zwar hat sich 
die Ankndigung einer 'Neoindustrialisierung', die eine Zurckdrngung 
der Heteronomie von Industriearbeit ermglichen und die 
"Voraussetzungen fr kompetentes, selbstbewutes Verhalten im 
Arbeitsproze" schaffen sollte (Kern/Schumann 1984, 327; kritisch 
hierzu: Schmiede/v. Greiff 1985), als berzogen erwiesen, doch gilt 
dies ebenso fr die Annahme einer stetigen Steigerung der direkten 
sozialen Kontrolle durch Dequalifizierung der Arbeitskraft einerseits, 
Zentralisierung des Produktionswissens beim Management andererseits. 
Neuere empirische Untersuchungen legen den Schlu nahe, da die 
tayloristischen und fordistischen Strategien der zeitkonomischen 
Arbeitszerlegung nur fr bestimmte Sektoren der Massenproduktion 
galten, whrend sie etwa in der kleinserigen, komplexen 
Maschinenfertigung stets an den hohen Kosten scheiterten, die fr den 
Aufbau leistungsfhiger Arbeitsvorbereitungsabteilungen ntig gewesen 
wren (Manske 1987, 170); sie zeigen zugleich, da der Taylorismus als 
das Mittel zur zentralistischen Kontrolle der Arbeitsausfhrung und 
damit der Arbeiter berall dort seine Grenze findet, wo die 
Besonderheiten von Materialien und Produkten sowie die Marktlage ein 
hohes Ma an betrieblicher Flexibilitt und Reaktionsfhigkeit 
erfordern. Die von Sohn-Rethel (1972) und Bravermann (1977) ganz auf 
der Linie von Marx und Weber beschriebene langfristige Tendenz einer 
fortschreitenden Einschrnkung bzw. Eliminierung der 
Dispositionsspielrume wie auch der kognitiven Kompetenz der 
Arbeitskrfte htte von hier aus gesehen mit Gegentendenzen zu 
rechnen, die anstelle der reinen Subsumtionslogik strker auf 
indirekte, 'systemische' Kontrollen setzen (Baethge/Oberbeck 1986, 22; 
Manske 1987, 175) und dabei die eindimensionalen, auf 
'Fremdbeobachtung' und punktueller Disziplinierung beruhenden 
tayloristischen Mechanismen durch neue, die 'Selbstbeobachtung' und 
aktive Beteiligung des Personals akzentuierenden Strategien 
substituierten (Malsch 1987). Ob sich damit, wie etwa Malsch glaubt, 
die Chance einer kommunikativen Rationalisierung erffnet, mag 
dahingestellt bleiben. Fest steht jedoch, da das Kontroll-Paradigma 
diesen Entwicklungen nur unzureichend Rechnung trgt. "Subjektivitt", 
so folgert Uwe Schimank, "ist in formalen Organisationen nicht nur 
eine mglichst weitgehend sozialem und technischem Reglement zu 
unterwerfende, weil fr die organisatorische Ordnung gefhrliche 
Strgre; sondern Subjektivitt ist eine wesentliche 
Konstitutionsbedingung organisatorischer Ordnung gerade auch in 
hochtechnisierten Produktionsorganisationen" (1986, 86).
  
  Diese berlegungen machen eine Differenzierung der im vorigen 
Abschnitt skizzierten Argumentation erforderlich, stellen sie jedoch 
nicht grundstzlich in Frage. Auch wenn die Bedienung der zunehmend 
komplexer und stranflliger werdenden Produktionsanlagen heute eine 
flexiblere Funktionsvermischung und eine erhhte technisch-
wissenschaftliche Kompetenz des Personals verlangt (Wuntsch 1988, 28, 
201); auch wenn die Belegschaften ein ganz neuartiges "Drohpotential 
der Datenmanipulation und der Wissenszurckhaltung" erwerben (Malsch 
1987, 79), folgt daraus doch nicht, da die systemische Integration an 
ihre Grenze stt und eine neue Perspektive erffnet, die es 
ermglicht, die organisierten Sozialsysteme "als fragile Gebilde zu 
durchschauen, die in ihrer Existenz vom moralischen Konsens aller 
Beteiligten abhngig bleiben" (Honneth 1985, 334). Bei der 
Subjektivitt, die in organisierten und technisierten Systemen 
operiert, handelt es sich zwar um selbstdeterminierte und insofern 
zweifellos auch zu moralischen Orientierungen befhigte personale 
Systeme, doch ist gerade diese Kompetenz nicht gemeint, wenn von einem 
Beitrag zu den Konstitutionsbedingungen die Rede ist. Gefragt sind 
nicht die moralischen und expressiven, sondern die kognitiven und 
technischen Kompetenzen, mithin jene Fhigkeiten zu formaler 
Rationalitt, diskursiver Symbolisierung und streng linearer 
Wahrnehmung, wie sie nur das im kantischen Sinne disziplinierte und 
kultivierte Individuum besitzt. Gewi geht das Individuum darin nicht 
auf. Es verfgt, auch und gerade im Rahmen informatisierter 
Produktionstechnologien, ber die Fhigkeit, die durch die jeweilige 
Technik gesetzten Grenzen sinnhaften Operierens zu berschreiten, es 
akkumuliert ein Erfahrungswissen, das durch formalisiertes und 
standardisiertes Planungswissen nie vollstndig ersetzt werden kann. 
Dennoch handelt es sich um eine Erfahrung hchst spezifischer Art: 
nicht die spontane, 'naturwchsige' Erfahrung der konkreten Arbeit, 
die eine Wechselbeziehung zwischen dem Arbeitenden, dem Werkzeug und 
dem je besonderen Material unterstellt, sondern die domestizierte, 
disziplinierte Erfahrung innerhalb eines vorstrukturierten technischen 
'Ereignishorizonts', in dem sich die Aktivitt des Subjekts weitgehend 
auf die Selektion und Deutung der Zeichen beschrnkt, die von den 
Informationssystemen in berflle geboten werden (Hartmann 1990, 42). 
Erfahrung in diesem Kontext ist immer wissenschaftliche Erfahrung, 
Produktion immer: Objektivation von Wissenschaft. Die Vernderung 
besteht allenfalls darin, da sich nunmehr nicht blo die 
Wissenschaftler und Ingenieure, sondern Teile der Arbeiterschaft 
selbst in wissenschaftlicher Weise auf die Erfahrung bzw. die 
Produktion beziehen und damit gleichsam von der passiven auf die 
aktive Seite des Abstraktifizierungsprozesses rcken.
  
  Foucault hat dies so nicht gesehen und, bedingt durch die 
Unzulnglichkeiten seiner Machttheorie, auch nicht sehen knnen. Er 
hat aber immerhin etwas davon geahnt, wenn er von der "Ersetzung eines 
juridischen und negativen Rasters durch ein technisches und 
strategisches" spricht (1978, 105), wenn er auf neue Machtmechanismen 
verweist, die nicht mehr mit dem Recht, sondern mit der Technik 
arbeiten, wenn er betont, da die Macht nicht mehr nur 'von oben', 
sondern auch 'von unten', d.h. von den Subjekten selbst kommt (1977, 
110, 115). Wenn die direkte Kontrolle  la Taylor berflssig wird, so 
nicht, weil das System durch zunehmend autonomere, ihre Qualifikation 
und ihre Intelligenz wiedergewinnende Subjekte in die Defensive 
gedrngt wrde. Sondern genau umgekehrt: weil es, flexibler und 
gleichsam dialektischer geworden, mit den Beitrgen der Subjekte 
selbst rechnen kann, die, vom wissenschaftlichen Code geprgt, die 
permanente Optimierung des Systems zu ihre eigenen Sache gemacht 
haben30.
  
  Diese Flexibilisierung knnte endlich auch der Grund fr eine 
Entwicklung sein, die Foucault unbeachtet gelassen hat, auf die ich 
jedoch zum Schlu wenigstens hinweisen mchte, weil eine Theorie der 
Disziplinargesellschaft sie nicht ignorieren kann: die partielle 
Entdisziplinierung, von der die fortgeschrittenen 
Industriegesellschaften seit einiger Zeit heimgesucht werden. Die 
allgemeine Erhhung des Qualifikationsniveaus im Gefolge der 
'Bildungsrevolution' (Parsons) hat zu einer Entwertung der unteren 
Bildungsabschlsse gefhrt, die die Haupt- und Sonderschulabsolventen 
in eine hnliche Lage geraten lt wie Analphabeten. Die Hauptschule, 
so hat Ulrich Beck es formuliert (1986, 246), verwandelt sich mehr und 
mehr in einen 'Aufbewahrungsort fr arbeitslose Jugendliche', dessen 
Funktionsbestimmung sich in Richtung Beschftigungstherapie 
verschiebt. Die Folge ist nicht nur eine anomische Reaktion der 
betroffenen Jugendlichen, die sich etwa am Phnomen des ansteigenden 
Vandalismus ablesen lt, sondern eine tiefgreifende Entwertung der 
Autoritt der Schule und eine Erosion der von ihr vermittelten 
Disziplin - vor allem in Grostdten mit anhaltend hoher 
Jugendarbeitslosigkeit und hohem Anteil von Angehrigen 
diskriminierter Minderheiten. Whrend sich die Pdagogik an Gymnasien 
eher mit Problemen wie Ehrgeiz, Schulangst, bertriebene Anpassung und 
Kontaktschwierigkeiten konfrontiert sieht, werden an Hauptschulen in 
zunehmendem Mae Verhaltensaufflligkeiten wie Unkonzentriertheit, 
Ungenauigkeit, Interessenmangel, verbale Aggression und Ungehorsam 
gegen den Lehrer registriert (Bach 1987, 58 f.). Auch an den 
Grundschulen mehren sich inzwischen die Unterrichtsstrungen in Form 
von bermotorik, diffuser Aggression, ungerichtetem Agieren und 
didaktisch-methodischer Unansprechbarkeit, so da das Bildungsangebot 
bei einem wachsenden Teil der Schler ins Leere stt (Ziehe 1983; 
Cloer 1982; ders. 1987; Winkel 1988). Wenn die Zeichen nicht trgen, 
so scheint es sowohl der sekundren als offenbar bereits der primren 
Sozialisation in Teilen der Gesellschaft zusehends weniger zu 
gelingen, jene innere Disziplin zu vermitteln, die nicht blo fr das 
Fortkommen, sondern schon fr das pure berleben in einer 
Disziplinargesellschaft unerllich ist. Welches immer die Ursachen 
sein mgen - Wohnverhltnisse, Arbeitslosigkeit, damit 
zusammenhngende defizitre familiale Kommunikation, nicht zuletzt 
auch eine durch Fernsehkonsum vernderte Organisationsform der Sinne - 
fest steht, da man heute nicht mehr schlichtweg von einer 
Verallgemeinerung der Disziplin, sondern allenfalls von einer 
partiellen Erweiterung sprechen kann, bei der ganze Sektoren der 
Gesellschaft als disziplinre Brachen ausgespart bleiben. Je weiter 
aber sich diese Brachen ausdehnen, desto dringlicher wird die Frage, 
ob die von Foucault beschriebene Modernisierung und Humanisierung der 
Disziplin, ihre Abkehr von einer bloen 'Gewaltrationalitt' (Dauk 
1989, 131), nicht der Anfang eines Prozesses sein knnte, in dessen 
Verlauf die Disziplinargesellschaft ihre eigenen Voraussetzungen 
zerstrt. Allein mit den von Foucault bereitgestellten Kategorien wird 
diese Frage nicht zu beantworten sein.
  
  PAAdorno, Luhmann
  Die moderne Gesellschaft zwischen Selbstreferenz und Selbstdestruktion
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  Die Theorien der Zivilisierung und der Disziplinierung, das wurde in 
der Auseinandersetzung mit Elias und Foucault deutlich, erfassen 
wichtige Aspekte der modernen Gesellschaft. Fr eine Gesamtdiagnose 
indes ist ihr Instrumentarium zu grob, ihr begrifflicher Zuschnitt zu 
eng. Es ist deshalb an der Zeit, den Fokus zu erweitern und jene 
beiden Theorien in den Blick zu nehmen, von denen wir uns in der 
Kritik an Elias und Foucault vielfach leiten lieen: die Kritische 
Theorie und die Systemtheorie.
  
  ber deren methodische und epistemologische Differenzen ist viel 
geschrieben worden: ber die unterschiedliche Auffassung von Handeln 
und Kommunikation, von Wahrheit und Rationalitt. Nur selten aber, und 
dann gewhnlich am Rande, hat die Debatte das eigentliche Thema 
probandum berhrt, das zwischen beiden Theorien zur Verhandlung steht: 
die moderne Gesellschaft und ihre Entwicklungstendenzen. Dabei ist 
kein Feld von so zentraler Bedeutung wie dieses - stimmen doch beide 
Theorien darin berein, da die Zukunft der Soziologie wesentlich 
davon abhngt, ob es ihr gelingt, einen Begriff ihres Gegenstandes - 
der Gesellschaft - zu entwickeln.
  
  Es ist hier nicht der Ort, um ber die Grnde dieser eigentmlichen 
Berhrungsangst zu sprechen. Vordringlicher ist es, sie zu 
durchbrechen, indem man den Gegenstand selbst in den Mittelpunkt der 
Errterungen rckt. Dies soll im folgenden in drei Schritten 
geschehen. Im ersten Abschnitt werde ich die Aussagen beider Theorien 
ber den Aufbau der modernen Gesellschaft vergleichen, die sich im 
einen Fall um den Begriff der Totalitt, im anderen Fall um den des 
Systems zentrieren. Im zweiten Abschnitt sollen die wichtigsten Thesen 
ber die Entwicklungstendenzen der modernen Gesellschaft 
herausgestellt werden, wobei ich mich vorrangig auf die Frage 
Differenzierung oder Entdifferenzierung konzentrieren werde. Der 
letzte Abschnitt behandelt die Mglichkeit wechselseitiger 
Lernprozesse beider Theorien im Horizont einer sich anbahnenden 
Konvergenz von Kritik und Affirmation. Der Vergleich wird sich auf 
Adorno und Luhmann als die beiden Autoren beschrnken, bei denen die 
Kritische Theorie und die Systemtheorie in ihrer 'Vollstufe' 
entwickelt sind.
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AAF	1. Jeder Anfang ist eine Vorentscheidung. Nach der Systemtheorie 
ist mit Differenz zu beginnen, nach dialektischer Auffassung mit 
Einheit. Folgte man der ersten Position, so wre man in diesem Fall 
schnell fertig. Man wrde zeigen, da fr Luhmann Gesellschaft 
Kommunikation ist und in dieser Eigenschaft sowohl das Ganze 
verkrpert als auch das Wahre einschliet: die Gesamtheit der 
Kommunikationen als Selektion aus der Gesamtheit aller anschlufhigen 
- in Luhmanns Terminologie: 'wahren' - Kommunikationen (1990, 533, 
618f., 175)31. Auf der anderen Seite tauchte dann sogleich die Formel 
vom Ganzen als dem Unwahren sowie Adornos 'Generalverdacht gegen 
Kommunikation' auf (Mrchen 1981, 231). "Alles, was heutzutage 
Kommunikation heit, ausnahmslos, ist nur der Lrm, der die Stummheit 
der Gebannten bertnt" (GS 6, 341). Der Dialog wre zuende, ehe er 
berhaupt eingesetzt htte.

	Wir mssen also nach Art der Dialektik beginnen, mit Einheit statt 
mit Differenz. Das ist weniger gewaltsam, als es nach dem ersten 
Vorgeplnkel den Anschein haben knnte, bestimmen doch Adorno wie 
Luhmann die moderne Gesellschaft ganz konventionell, unter Rckgriff 
auf den von Herbert Spencer in die Soziologie eingefhrten Begriff der 
funktionalen Differenzierung. Die moderne Gesellschaft ist nach 
Luhmann kein Organismus und kein Subjekt, sondern "dasjenige 
Sozialsystem, das die letzterreichbare Form funktionaler 
Differenzierung institutionalisiert" (1971, 15). "Modern society, 
then, has to be described as a functionally differentiated system. 
This is its main characteristic, the principle which generates its 
structures" (1984, 64).

	Nicht anders sieht es Adorno. Gesellschaft, so verkndet er, sei 
"ein Funktions- und kein Substanzbegriff" (GS 8, 349), Soziologie die 
"Wissenschaft von den gesellschaftlichen Funktionen" (Adorno 1956, 
23). Whrend sich archaische Gesellschaften nicht zuletzt durch ihre 
nur geringe Arbeitsteilung auszeichneten, habe sich die moderne 
Gesellschaft zu einem gigantischen Interdependenzzusammenhang 
entfaltet.

	"Mit Gesellschaft im prgnanten Sinn meint man eine Art Gefge zwischen Menschen, in dem alles und alle von allen 
abhngen; in dem das Ganze sich erhlt nur durch die Einheit der von smtlichen Mitgliedern erfllten Funktionen, und in dem 
jedem Einzelnen grundstzlich eine solche Funktion zufllt, whrend zugleich jeder Einzelne durch seine Zugehrigkeit zu dem 
totalen Gefge in weitem Mae bestimmt wird" (ebd. 22; vgl. GS 8,10).
AAF
	Fr Adorno ist mit dieser Bestimmung allerdings nur erst ein 
Aspekt der modernen Gesellschaft getroffen. Der zweite fr ihn 
wichtige Aspekt ist, da Gesellschaft ebensosehr eine Relations-, ja 
eine 'Vermittlungskategorie' sei (Adorno 1973, 36, 39). Was damit 
gemeint ist, lt sich durch eine Kontrastierung mit der 
funktionalistischen Theorie der Systemdifferenzierung verdeutlichen. 
Diese Theorie, die im brigen, wie das Beispiel Althusser zeigt, auch 
in den Marxismus Eingang gefunden hat, geht davon aus, da die moderne 
Gesellschaft durch die Ausdifferenzierung relativ autonomer 
Subsysteme, Ebenen oder Instanzen gekennzeichnet ist, welche innerhalb 
des Gesamtsystems nebeneinander existieren. Parsons unterscheidet 
dabei bekanntlich das politische, konomische, sozialkulturelle und 
gemeinschaftliche System; Luhmann Teilsysteme fr Politik, Wirtschaft, 
Recht, Erziehung, Religion und Wissenschaft; Althusser die politische, 
konomische und ideologische Ebene. Diese Differenzierung schliet 
nicht aus, da zwischen den Subsystemen Beziehungen bestehen: bei 
Parsons und Luhmann gibt es das Konzept der Interpenetration, bei 
Althusser sogar das Prinzip der Determinierung in letzter Instanz 
durch die konomie. Typisch aber ist, da in all diesen Konzeptionen 
(von deren Unterschieden hier abgesehen werden kann) die Beziehung 
uerlicher Natur ist, eine bloe Wechselwirkung zwischen ansonsten 
getrennten und nach eigengesetzlichen Regeln prozessierenden Sphren.

	Adorno bestreitet keineswegs die Existenz solcher autonomer 
Sphren. Die bliche Formel, mit der er Bereiche wie Kunst oder 
Wissenschaft charakterisiert, lautet, sie seien autonom und fait 
social zugleich (GS 7, 16; GS 8, 283). Damit ist jedoch auch gesagt, 
da die Theorie es bei der bloen Feststellung der Autonomie nicht 
belassen kann. Gerade als autonome sind die Teilsysteme vermittelt 
durch die konstitutive Struktur der Gesellschaft, ihre objektive 
'Wesensgleichheit' (Adorno 1973, 25), die in den Teilsystemen 
erscheint und sie ipso facto als Schein, als Reflexionsbestimmung 
durchschaubar macht. Was Adorno fr die Kunst notiert, gilt mutatis 
mutandis auch fr die brigen Bereiche des gesellschaftlichen Ganzen:

	"Die Frage nach der Vermittlung von Geist und Gesellschaft reicht weit ber die Musik hinaus, wo man sie allzu leicht auf die 
nach dem Verhltnis von Produktion und Rezeption einengt. Gelten drfte, da jene Vermittlung nicht uerlich, in einem dritten 
Medium zwischen Sache und Gesellschaft stattfinde, sondern innerhalb der Sache. Und zwar nach ihrer objektiven und subjektiven 
Seite. Die gesellschaftliche Totalitt hat in der Gestalt des Problems und der Einheit der knstlerischen Lsungen sich sedimentiert, ist 
darin verschwunden. Weil in ihr Gesellschaft sich verkapselt hat, folgt sie, indem sie autonom sich entfaltet, auch der 
gesellschaftlichen Dynamik, ohne auf sie hinzublicken, ohne direkt mit ihr zu kommunizieren" (GS 14, 409).
AAF
	In der Bestimmung dieser Wesensgesetzlichkeit, die in den 
Teilsystemen erscheint und diese dadurch als vermittelte konstituiert, 
knpft Adorno an die klassische dialektische Theorie an, die die 
moderne Gesellschaft als brgerliche verstand. Wie Marx, der den 
Schlssel zu diesem System in der politischen konomie suchte, geht 
auch Adorno vom "Primat der konomie" aus (GS 4, 125) und lokalisiert 
hier den tragenden Lebensproze der Gesellschaft. Damit ist vor allem 
die grundlegende Rolle angesprochen, die der gesellschaftlichen Arbeit 
in der Moderne zukommt. Die sozialen Prozesse und Institutionen 
existieren nicht aus eigener Kraft, sie sind "wesentlich 
vergegenstndlichte Arbeit lebendiger Menschen"; selbst so subtile 
Erscheinungen wie Kunst, Philosophie oder Kulturkritik sind vom 
Arbeitsproze abhngig, "in dessen Schicksal verflochten" (GS 8, 17; 
GS 10.1, 18). Ein berhistorisches Gesetz, wie es etwa Engels' Prinzip 
der Determinierung in letzter Instanz aufstellt, ist damit nicht 
behauptet, denn eine 'szientifische Invariantenlehre' lehnt Adorno ab. 
Fr die moderne Gesellschaft allerdings gilt, da sie die "Einheit der 
durch ihre Arbeit das Leben der Gattung reproduzierenden Subjekte" ist 
und daher primr als "Totalitt der Arbeit" konzipiert werden mu (GS 
5, 267, 269). "Soweit die Welt ein System bildet, wird sie dazu eben 
durch die geschlossene Universalitt von gesellschaftlicher Arbeit" 
(ebd. 272).

	Von entscheidender Bedeutung ist nun allerdings, da sich dieser 
Primat der Produktion unter brgerlichen Produktionsbedingungen auf 
eine hchst paradoxe Weise uert: als Abstraktion der Produktion von 
sich selbst. Konstitutiv fr den gesellschaftlichen Zusammenhang ist 
nicht die lebendige Arbeit, auch nicht das konkrete Bedrfnis. 
"Grundbestand der Gesellschaft an sich", "magebende Struktur der 
Gesellschaft" (GS 8, 13; GS 10.2, 745) ist vielmehr der Tausch, in dem 
die konkreten Einzelarbeiten auf ihren gemeinsamen Nenner reduziert 
werden - abstrakte Arbeit als Substanz des Wertes. Im Tausch, schreibt 
Adorno, "nicht erst in der wissenschaftlichen Reflexion, wird objektiv 
abstrahiert; wird abgesehen von der qualitativen Beschaffenheit der 
Produzierenden und Konsumierenden, vom Modus der Produktion, sogar vom 
Bedrfnis, das der gesellschaftliche Mechanismus beiher, als 
Sekundres befriedigt" (GS 8, 13).

	'Tausch' in diesem Sinne meint mehr als eine konomische 
Transaktion, meint mehr als den bloen Besitzwechsel konkret-
ntzlicher Gegenstnde. Der Begriff steht fr eine Gesamtverfassung, 
in der der konkret-materielle Inhalt des gesellschaftlichen Lebens, 
der Stoffwechselproze mit der Natur, und der soziale Zusammenhang 
auseinandergetreten sind und sich zum Gegensatz verselbstndigt haben. 
Ihre Einheit gewinnt die fragmentierte und atomisierte Gesellschaft 
nur mehr auf einem Umweg, ber den Austausch; da aber nur Gleiches, 
Vergleichbares, quivalentes getauscht werden kann, wechseln in der 
Zirkulation nicht Gebrauchswerte den Besitzer, sondern Tauschwerte; 
der Markt, so hat es Alfred Sohn-Rethel formuliert, dem Adorno 
entscheidende Einsichten verdankt, ist ein "zeitlich und rtlich 
bemessenes Vakuum an menschlichem Stoffwechsel mit der Natur" (Sohn-
Rethel 1972, 80). Das, was die Einheit herstellt, ist der Wert; der 
Wert aber ist eine reine Abstraktion, etwas, in das 'kein Atom 
Naturstoff' eingeht, eine 'blo ideelle' oder 'nur gemeinte 
Bestimmung' (MEW 23, 62; Marx 1974, 173). Brgerliche 
Vergesellschaftung heit dementsprechend abstrakte, reine 
Vergesellschaftung, Integration durch eine Sphre, die in der 
traditionellen Metaphysik als 'Schein', in der idealistischen 
Philosophie als 'Geist' bezeichnet wurde - eine Welt des Symbolischen, 
der Stellvertretung, der Substitution, die alle Erscheinungsformen des 
Sozialen, von der Zirkulation ber Recht und Staat bis zu den 
subtileren Gestalten der Kunst, der Philosophie und der Wissenschaft, 
strukturiert.

	"Den Vorwurf des Idealismus", schreibt Adorno, "hat nicht ein jeder zu frchten, der Begriffliches der gesellschaftlichen 
Realitt zurechnet...Mag man, gegenber der leibhaften Realitt und allen handfesten Daten, dies begriffliche Wesen Schein 
nennen, weil es beim quivalententausch mit rechten Dingen und doch nicht mit rechten Dingen zugeht: es ist doch kein Schein, 
zu dem organisierende Wissenschaft die Realitt sublimierte, sondern dieser immanent...Der Tauschwert, gegenber dem 
Gebrauchswert ein blo Gedachtes, herrscht ber das menschliche Bedrfnis und an seiner Stelle; der Schein ber die Wirklichkeit" 
(GS 8, 209).
AAF
	Diese Hervorhebung des Tauschverhltnisses ist von der 
marxistischen Orthodoxie hufig als Rckfall in brgerliches Denken 
kritisiert worden, als Unfhigkeit, ber den Standpunkt der 
Zirkulation hinauszugehen. Der Vorwurf hat eine gewisse Berechtigung, 
soweit er darauf zielt, da Adorno nicht mit der gebotenen 
Grndlichkeit auf die Einzelheiten der Marxschen Wertformanalyse 
eingegangen ist und deren Begriffe oft nur metaphorisch gebraucht. In 
ihrem Kern ist die Kritik jedoch unhaltbar: einmal, weil Adorno 
keineswegs bei der Zirkulation stehenbleibt und sehr wohl auch die 
entwickelteren Formen des Wertverhltnisses bis hin zur 
Klassenstruktur im Blick hat32; zum anderen, weil sie die fundamentale 
bereinstimmung verdeckt, die hinsichtlich der strukturellen Bedeutung 
der Zirkulation zwischen der Kritischen Theorie und der Kritik der 
politischen konomie besteht. Auch im Kapital fungiert als 
begrifflicher Ausgangspunkt nicht der Arbeitsproze oder ein wie immer 
geartetes 'System der Bedrfnisse', sondern die Abstraktion von der 
Produktion und vom Bedrfnis, wie sie sich in der Zirkulation, im 
Austausch von Waren gem ihren Werten, tagtglich vollzieht; und wenn 
es ein Gliederungsprinzip gibt, einen Grundgedanken, um den sich das 
System der politischen konomie organisiert, so ist er hier, in den 
verschiedenen Metamorphosen dieser Fundamentalabstraktion zu suchen, 
die vom einfachen Tausch ber den Geld- und Kapitalbegriff bis zu den 
Oberflchenbestimmungen der 'trinitarischen Formel' reichen. Indem 
Adorno diesen Gedanken, in wie metaphorischer Form auch immer, 
festhlt und zu der These zuspitzt, da die Produktion nur 
gegenstandskonstitutiv, nicht aber gesellschaftskonstitutiv ist, steht 
er Marx nher als alle postmarxschen Arbeitsmythologien, die die Rede 
vom Scheincharakter der Zirkulation allzu wrtlich, nmlich 
brgerlich-aufklrerisch nehmen. Die Einheit der brgerlichen 
Gesellschaft ist keine Einheit der Arbeit, sondern eine des Wertes, 
der Abstraktion von der Arbeit.

	Diese Einheit aber, und damit kehren wir zum Ausgangspunkt zurck, 
existiert nicht unmittelbar, sondern nur als Proze, als "eine 
Einheit, die sich durch den Trennungs-, durch den 
Abstraktionsmechanismus hindurch berhaupt eigentlich erst vollzieht" 
(Adorno 1973, 47). Die konstitutive Struktur, der Wert, ist keine 
isolierte, unbewegliche Instanz, die auf andere Instanzen diese oder 
jene Wirkung ausbt. Sie erzeugt vielmehr unablssig neue Formen, in 
denen sie sich zugleich manifestiert und verbirgt - so wie es Hegel 
fr die Sphren des subjektiven, objektiven und absoluten Geistes 
beschrieben hat, Marx fr die verschiedenen 'Verkncherungen' des 
Mehrwerts vom Profit ber den Produktionspreis bis hin zu den 
'mystischen' Formen von Zins, Arbeitslohn und Rente. Das Wesen mu 
erscheinen; die Gesamtheit seiner Erscheinungen aber ist: das System. 
Das System ist die dialektische Ordnung der Erscheinungsformen der 
Struktur, die Struktur wiederum ist nichts anderes als das System, auf 
seinen einfachsten und abstraktesten Ausdruck gebracht. Der hier von 
Adorno anvisierte Theorietypus liee sich am angemessensten als eine 
'strukturalistische Systemtheorie' charakterisieren, die die 
Einsichten des Strukturalismus und der Systemtheorie aufnimmt, sie 
aber dialektisiert und dadurch ihre Einseitigkeiten vermeidet.

	Es ist nur scheinbar ein Widerspruch hierzu, wenn Adorno an 
anderer Stelle davon spricht, da sich das dialektische Denken 
zunehmend von der Systemform entfernen msse, oder wenn er die 
negative Dialektik geradezu als 'Antisystem' definiert (GS 8, 308; GS 
20.1, 165ff; GS 6, 10). Gewi gibt es neben dem Schler Hegels und 
Marxens auch den Schler Nietzsches und Benjamins, dessen 
antisystematische Affekte sich methodisch in der Bevorzugung der 
'Mikrologie' und des Aphorismus niederschlagen und mitunter in 
emphatischen Bekenntnissen kulminieren wie demjenigen, da der 
wirklich freie Gedanke mit dem System unvereinbar sei (Adorno 1974, 
266). Es wre indes ein vlliges Miverstndnis von Adornos Position, 
wenn man darin eine Absage an das systematische Denken oder gar eine 
Leugnung des Systemcharakters der gesellschaftlichen Realitt sehen 
wollte. Da die brgerliche Gesellschaft ein System ist, eine Einheit 
also, die aus einem Punkt heraus erzeugt und nicht nur die uerliche 
Ordnung eines vorgegebenen Stoffes ist, steht fr Adorno auer Frage, 
ebenso wie die Gltigkeit der Kategorien, mit denen Hegel und vor 
allem Marx dieses System beschrieben haben. Anders wre seine im 
Positivismusstreit immer wieder geuerte Mahnung unverstndlich, da 
die Soziologie ihr Objekt verfehle, wenn sie darauf verzichte, 
"Gesellschaft als System" zu denken, wenn sie sich mit bloen 
Systematisierungen begnge, anstatt "das den Prozeduren und Daten 
wissenschaftlicher Erkenntnis vorgeordnete System der Gesellschaft" zu 
rekonstruieren (GS 8, 210, 356). Die Mikrologie setzt an jedem Punkt 
die Gltigkeit der Marxschen Strukturanalysen voraus, sie ist mglich 
nur auf dem Boden des dialektischen Begriffs, auch wenn sie darauf 
verzichtet, diesen im Einzelfall zu explizieren. Bei aller Kritik, die 
Adorno an Hegels Identifikation des Systems mit dem absoluten Subjekt 
gebt hat, hat er doch an der Notwendigkeit und Angemessenheit des 
Systembegriffs zu keiner Zeit einen Zweifel gelassen:

	"Ist jenes Subjekt-Objekt, zu dem seine (scil. Hegels) Philosophie sich entwickelt, kein System des vershnten absoluten 
Geistes, so erfhrt der Geist doch die Welt als System. Sein Name trifft den unerbittlichen Zusammenschlu aller Teilmomente und 
Teilakte der brgerlichen Gesellschaft durch das Tauschprinzip zu einem Ganzen genauer als irrationalere wie der des Lebens, 
selbst wenn dieser der Irrationalitt der Welt, ihrer Unvershntheit mit den vernnftigen Interessen einer ihrer selbst bewuten 
Menschheit, besser anstnde. Nur ist die Vernunft jenes Zusammenschlusses zur Totalitt selber die Unvernunft, die Totalitt des 
Negativen" (GS 5, 324): eben die des Tauschs, der die Einzelnen einem ihnen fremden Gesetz unterwirft.
AAF
	Da diese Negativitt das System, das sie konstituiert, zugleich 
in den Untergang treibt, wird weiter unten darzustellen sein.



	2. Der zentrale Stellenwert, den die dialektische Theorie dem 
Systembegriff zuweist, hat ihr wenig Anerkennung bei derjenigen 
Theorie eingetragen, die sich diesen Begriff fr ihre 
Selbstbeschreibung zu eigen gemacht hat: der Systemtheorie. Vom 
"ehrwrdige(n) Konzept der brgerlichen bzw. proletarischen, 
wirtschaftlich konstituierten Gesellschaft" (1974, 217) spricht 
Luhmann im gleichen Ton wie ein Raketenkonstrukteur von den Bemhungen 
des Schneiders von Ulm; vom "negatorische(n) Apparat brgerlicher 
Gesellschaftskritik im Sinne von Rousseau, Hegel oder Marx" (1979, 
105) wie von einem berflssigen Ballast, dessen man sich tunlichst 
entledigen sollte. Zwar konzediert Luhmann diesem Theorietypus das 
"Erstgeburtsrecht als reflexive Theorie", doch bemngelt er 
gleichzeitig "die eigentmliche Schmalspurigkeit, die zu geringe und 
zu unbestimmte Komplexitt, die Fixierung auf wenige Gesichtspunkte, 
an die man mit vermeintlich eindeutigen Effekten Negationen anknpfen 
kann" (1982, 193).

	Die Grnde fr diese abschtzig-distanzierende Haltung sind rasch 
benannt. Die Theorie der brgerlichen Gesellschaft, sowohl in ihrer 
affirmativen als auch in ihrer kritischen Gestalt, ist nach Luhmann 
die letzte in einer Serie von Selbstthematisierungen des 
Gesellschaftssystems, die die Gesellschaft unzureichend, nmlich auf 
der Basis ontologischer und anthropologischer Prmissen zu begreifen 
versuchte. Im Gegensatz zu der bis auf Aristoteles zurckgehenden 
'alteuropischen' Lehre, welche die Gesellschaft als societas civilis, 
d.h. als primr politisch konstituierte Ordnung verstand, habe die 
Theorie der brgerlichen Gesellschaft zwar neues Terrain betreten, 
indem sie den Akzent auf das Wirtschaftssystem verlagert habe; doch 
seien die anthropologisch-ontologischen Begrndungsmuster im Prinzip 
beibehalten worden. Wie die Aristoteliker den Primat der Politik, 
htten auch die brgerlichen Theoretiker den Primat der konomie mit 
Naturbegriffen begrndet und ihre Gesellschaftskonzeption darauf 
aufgebaut - wobei es nach Luhmann eine zweitrangige Frage ist, ob 
diese Naturbegriffe naturrechtlicher oder materialistischer Provenienz 
waren: beide Anstze htten die Gesellschaft als Aggregat von 
natrlichen Bedrfnissen und Befriedigungsmglichkeiten konzipiert und 
die Teilsysteme auf dieses Kernsystem bezogen (1974, 142, 206). Marx 
erscheint aus dieser Sicht gleichsam nur als Schlupunkt in der 
Selbstthematisierung der brgerlichen Gesellschaft, sein Materialismus 
nicht als Durchbruch zu einer neuen, die brgerliche Welt 
transzendierenden Auffassung, sondern als brgerliche Philosophie par 
excellence (1981, 235). Obwohl Luhmann nicht ausschliet, da von der 
marxistisch-sozialistischen Selbstkritik der brgerlichen Gesellschaft 
bestimmte politische Effekte ausgehen knnten, hlt er deren Potential 
doch fr erschpft. Ein wirkliches Verstndnis, das sich auf der Hhe 
der Zeit befindet, ist nach seiner berzeugung weder von den 
Apologeten der brgerlichen Gesellschaft zu erwarten noch von deren 
Kritikern. Gefordert ist vielmehr eine grundlegende Neuorientierung, 
die die Gesellschaftstheorie von anthropologischen und humanistischen 
Prmissen abkoppelt und auf ein anderes, die Eigenstndigkeit und 
Eigenlogik des Sozialen bercksichtigendes Fundament stellt.

	Nun ist sicher nicht zu bestreiten, da ontologische Motive in dem 
von Luhmann inkriminierten Sinne eine wichtige Rolle in der 
materialistischen Dialektik spielen: nicht blo in den kruden 
Varianten, die man in den Lehrbchern des real kaum noch existierenden 
Sozialismus findet, sondern schon bei Marx, der seine 
Revolutionstheorie vollstndig auf eine Ontologie der Arbeit grndet, 
und auch bei Adorno, der im Gebrauchswert das "Ineffabile der Utopie" 
sieht und seine Kritik am brgerlichen System auf die Idee eines 
"Vorrangs des Objekts" sttzt (vgl. GS 6, 22, 184ff.). Was indes die 
Darstellung dieses System betrifft, die Untersuchung seines inneren 
Baus, so greift Luhmanns Kritik zu kurz. Weder Marx noch Adorno 
benutzen Naturbegriffe oder ontologische Argumente. Vielmehr zeigen 
sie przise, da die brgerliche Gesellschaft anstatt auf der 
konkreten Arbeit oder dem Bedrfnis auf der Abstraktion von der Arbeit 
und vom Bedrfnis beruht, auf Verhltnissen, die sich hinter dem 
Rcken der handelnden Personen herausbilden und sich zu einem 
hochkomplexen Gefge verdinglichter und subjektivierter Bestimmungen 
entfalten. Da Luhmann dies im brigen nicht ganz fremd ist, zeigt 
sich an solchen Stellen, an denen er auf Marxsche Analysen (wie etwa 
die des Geldes) rekurriert und ihnen "ihr volles Recht" bescheinigt 
(1980, 253f.).

	Luhmanns Vorschlag, die Gesellschaft unter Absehung von allen 
empirisch-materiellen Elementen zu definieren, kann man unter diesen 
Umstnden wohl kaum als die kopernikanische Revolution begreifen, als 
die er ihn prsentiert. Weit davon entfernt, die dialektische Theorie 
durch einen radikalen Paradigmenwechsel zu berholen, wiederholt er 
lediglich (ohne allerdings die Begrndung mitzuvollziehen) deren 
Einsicht, da der gesellschaftliche Lebensproze unter brgerlichen 
Produktionsbedingungen in doppelter Gestalt erscheint: als 
gegenstndlich-materielle, aber private Produktion einerseits, als 
gesellschaftlicher, aber immaterieller Zusammenhang andererseits. 
Konkret und privat im Sinne von ungesellschaftlich, das sind nach 
Luhmann die Individuen, die als autonome, 'autopoietische' Systeme 
"auerhalb aller sozialen Systeme" operieren und dabei, obwohl 
wesentlich Bewutsein, doch einen engen Bezug zum organisch-
materiellen Leben haben (1985, 359, 296f.). Die Gesellschaft hingegen 
ist Kommunikation und nichts als Kommunikation. Sie konstituiert sich 
zwar aus den Erwartungen und Kommunikationen psychischer Systeme, geht 
aber in dieser ihrer Genesis nicht auf, bildet "eine freischwebend 
konsolidierte Realitt, ein sich selbst grndendes Unternehmen" (ebd. 
173), eben 'reine' Kommunikation.

	"Ganz grob kann man das System der Gesellschaft charakterisieren als Gesamtheit der freinander zugnglichen, 
kommunikativ erreichbaren Erlebnisse und Handlungen. Kommunikation verwebt die Gesellschaft zur Einheit" (1981, 309).
AAF
	Ersetzt man Kommunikation durch Zirkulation, so hat man exakt die 
Marxsche These, nach der die brgerliche Gesellschaft ihre Einheit und 
ihren Selbstbezug allein vermge der Ausdifferenzierung einer 
eigenstndigen Sphre der abstrakten Allgemeinheit neben und auer der 
empirisch-materiellen Dimension der Produktion und des Konsums 
herzustellen vermag.

	Die eigentliche Differenz zwischen Systemtheorie und Dialektik 
liegt deshalb nicht darin, da die erstere Gesellschaft auf 
Kommunikation reduziert und alle nichtkommunikativen Elemente, die mit 
der Aneignung der Natur zusammenhngen, eskamotiert (so Ganmann 
1986a, 148ff.). Da in der brgerlichen Gesellschaft die in der 
Produktion erfolgende Naturaneignung nicht unmittelbar 
gesellschaftlich ist, es vielmehr erst durch die Vermittlung der 
Zirkulation wird, ist schlielich der Kardinaleinwand der Marxschen 
Theorie gegen die Warenproduktion. Die Differenz liegt auf der 
methodischen Ebene, in der Art und Anordnung der Kategorien, aus denen 
das brgerliche System besteht. Whrend fr die Kritische Theorie 
Gesellschaft eine Vermittlungskategorie ist, die zwar nicht im 
identischen Subjekt-Objekt, wohl aber in einer konstitutiven Struktur 
(dem 'Wesensgesetz') grndet und von diesem 'inneren Kern' her 
rekonstruiert werden mu, lehnt Luhmann einen solchen Ansatz ab. Da er 
den Strukturbegriff nur in der Fassung kennt, wie er innerhalb der 
funktionalistischen Tradition durch Parsons und Merton berliefert ist 
- als Manifestation invarianter, nichtkontingenter Beziehungen 
zwischen Elementen (1985, 377ff.) -, kann er der Struktur allenfalls 
im Hinblick auf vormoderne Gesellschaften einen privilegierten Rang 
zugestehen; fr die moderne Gesellschaft dagegen erscheint ihm die 
Struktur, von dieser Prmisse her durchaus konsequent, als gegenber 
der Funktion von zweitrangiger Bedeutung. Die Einheit der modernen 
Gesellschaft, so konstatiert er, existiere nur in der Differenz der 
Funktionssysteme:

	"sie ist nichts anderes als deren wechselseitige Autonomie und Unsubstituierbarkeit. Sie ist nichts anderes als die Umsetzung 
dieser Struktur in ein Miteinander von hochgetriebener Unabhngigkeit und Abhngigkeit. Sie ist, mit anderen Worten, die dadurch 
entstandene, evolutionr hchst unwahrscheinliche Komplexitt" (1986, 216f.).
AAF
	Diese Auffassung darf nun nicht so verstanden werden, als gebe es 
nach Luhmann kein Gesamtsystem, als sei die Gesellschaft nichts weiter 
als die Summe der von den Teilsystemen erfllten Funktionen. Auch 
Luhmanns Entwurf bleibt insofern der Tradition 
gesamtgesellschaftlicher Theorie verpflichtet, als in ihm der 
Gesellschaftsbegriff Begrndungsfunktionen erfllt, "das heit den 
Horizont des Mglichen und Erwartbaren definiert und letzte 
grundlegende Reduktionen einrichtet" (1974, 145). Diese 
Begrndungsfunktion manifestiert sich erstens nach auen, in der 
Abgrenzung des Sozialen vom Nichtsozialen, die durch die 
Unterscheidung von Kommunikation und Nichtkommunikation erreicht wird. 
"Gesellschaft betreibt Kommunikation, und was immer Kommunikation 
betreibt, ist Gesellschaft" (1985, 555). Sie manifestiert sich 
zweitens in der internen Strukturierung, im Aufbau von Teilsystemen, 
die auf bestimmte, nur ihnen zurechenbare Funktionen spezialisiert 
sind. Und sie manifestiert sich drittens auch in einem Zugriff auf 
diese Teilsysteme, der dafr sorgt, da sich keines derselben auf 
Kosten anderer Teilsysteme totalisiert: z.B. durch Einbau von 
Beschrnkungen in die Reflexionsstruktur der Teilsysteme (1977, 245). 
Insofern kann auch Luhmann von der "Einheit der Gesellschaft" sprechen 
und Dimensionen angeben, in denen diese Einheit sich zeigt (vgl. 1974, 
147, 149; 1985, 37f.; 1986, 202, 205).

	Der Unterschied zur dialektischen Theorie liegt darin, da diese 
Einheit den Phnomenen uerlich bleibt, mit ihnen nicht vermittelt 
ist. Gelangt fr Adorno die gesellschaftliche Determinierung in den 
Phnomenen selbst zum Ausdruck, so da die deutende Analyse das 
Einzelne auf sein Allgemeines hin durchsichtig zu machen vermag, so 
rutscht sie bei Luhmann gleichsam zwischen die Phnomene, in die 
"Interdependenz und (den) Abstimmungszwang unter den Folgeproblemen 
strkerer Differenzierung" (1974, 147). Die Teilsysteme sind in der 
modernen Gesellschaft per definitionem nicht Manifestationen der 
Gesamtgesellschaft bzw. der konstitutiven Struktur, sie sind 
Manifestationen einer Funktion und damit gerade nicht des Ganzen; da 
sie gleichwohl einem bergeordneten Zusammenhang angehren, zeigt sich 
nicht in ihnen selbst, sondern nur in ihrer Umwelt, in der 
Mannigfaltigkeit innergesellschaftlicher System-Umwelt-Differenzen. 
Von hier aus wird die eigenwillige, der Auffassung Adornos kontrr 
entgegengesetzte Deutung verstndlich, die Luhmann dem 
traditionsreichen Begriff der Integration verleiht:

	"Mit dem bergang von segmentrer zu schichtenmiger und von schichtenmiger zu funktionaler Primrdifferenzierung 
des Gesellschaftssystems ndert sich die Zugriffsform des gesamtgesellschaftlichen Systems auf die Teilsysteme; sie verlagert sich 
von den Strukturen der Teilsysteme auf ihre innergesellschaftliche Umwelt. Die Gesellschaft kann bei zunehmender Komplexitt 
immer weniger garantieren, da alle Teilsysteme unter gleichen Strukturen gleichfrmig operieren und sich aus diesem Grunde 
nicht bermig belasten. Integration mu vielmehr dadurch vermittelt werden, da alle Teilsysteme freinander 
innergesellschaftliche Umwelt sind. Ein Teilsystem gehrt dann weniger dadurch der Gesellschaft an, da es in seiner Strukturwahl 
sich nach den Erfordernissen, Werten oder gar Normen richtet, die fr alle Systeme gelten, sondern dadurch, da es sich an einer 
nichtbeliebig geordneten, als Gesellschaft garantierten und vorstrukturierten Umwelt auszurichten hat" (1977, 243f.).
AAF
	Gegenber diesem Ansatz sind unterschiedliche Reaktionsformen 
mglich. Man kann ihn in toto zurckweisen und von auen her, etwa vom 
Standpunkt einer dialektisch-materialistischen Konzeption, monieren, 
da Luhmann der Oberflche der brgerlichen Gesellschaft verhaftet 
bleibt und beispielsweise auerstande ist, den Geldfetisch zu 
durchschauen (Blanke/Jrgens/Kastendiek 1975, 381ff.; Giegel 1975, 
96ff.; Ganmann 1986). Das mag zutreffen, endet aber in den meisten 
Fllen mit einer Rehabilitation eben jener Philosophie der Arbeit, 
deren mangelnde Tragfhigkeit Luhmann wohl zu Recht herausstellt. Man 
kann ferner immanent-kritisch fragen, ob Luhmann sein eigenes 
"postdialektisches Forschungsprogramm" realisiert und Analysen 
entwickelt, aus denen hervorgeht, wie die Gesellschaft die ihr 
zugewiesene Aufgabe der Einregulierung der innergesellschaftlichen 
Umwelt erfllt; wobei man dann feststellen wird, da sich der sonst so 
beredte Autor an dieser 'theoriebautechnisch' so wichtigen 
Scharnierstelle in Schweigen hllt. Jedenfalls hat Luhmann 
bemerkenswert wenig Energie daran gesetzt, den "Leerplatz" zu fllen, 
den er schon 1970 an der Stelle einer den heutigen Verhltnissen 
angemessenen Theorie des Gesellschaftssystems entdeckte (1974, 152).
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